Magdeburg l Felix Gebhardt startet immer euphorisch ins neue Jahr, gleich am 2. Januar feiert der Canadier-Fahrer vom SCM seinen Geburtstag, diesmal war es Ehrentag Nummer 24. Diese Euphorie wird in den nächsten Monaten auch nicht vergehen. Und ein sehr euphorischer Monat soll der April werden, wenn Gebhardt und seine Lena Eltern ihres ersten Kindes werden, wenn Gebhardt zudem bei der Rangliste, der nationalen Qualifikation des deutschen Verbandes (DKV) für die Olympischen Spiele in Tokio, an den Start geht. Auf den Punkt gebracht: Gebhardts Traum von seiner ersten Teilnahme an den Sommerspielen lebt. „Ich habe nichts zu verlieren“, sagt er. „Ich muss einfach alles rausballern, denn schlechter kann es für mich gerade nicht werden.“

Diese Aussage passt freilich nicht zum Ausblick. Aber sie passt zur jüngsten Enttäuschung, die er nach seinem fünften Platz beim Weltcup in Szeged (Ungarn) erfahren hat. Gebhardt geht ohne Kaderstatus in das neue Jahr, erhält also keine finanzielle Unterstützung vom Verband. „Im Vorfeld von Szeged wurde gesagt, Platz eins bis sechs reicht, um in den Kader zu fahren“, berichtet Gebhardt, und natürlich hat es ihn dann geärgert, dass er bei der Benennung ignoriert wurde.

Was der DKV offenbar vergessen hatte mitzuteilen: Die Vorgabe galt allein für das Resultat in einer olympischen Disziplin. Gebhardt wurde Fünfter im C1 über die nicht-olympischen 500 Meter, über die olympischen 1000 Meter hatte er das Finale verpasst.

Im C2 mit Wylenzek

Dennoch: Detlef Hummelt, sein Trainer, und Björn Bach, der Bundesstützpunktleiter, setzten sich für Gebhardt ein, weshalb er mit dem DKV-Kader ins türkische Belek im November reisen und mittrainieren durfte. Der SCM und seine Sponsoren übernahmen die Kosten. Und die Reise hat sich gelohnt. Denn Gebhardt stieg dort in einen C2 mit Tomasz Wylenzek, der eigentlich schon seine Karriere beendet hatte, nun aber wieder in der Leistungsklasse mitmischen will.

Wylenzek hat Gold bei den Sommerspielen 2004 in Athen mit Christian Gille gewonnen, er ist mit weiteren Olympia-Medaillen dekoriert worden, er ist mehrfacher Weltmeister. 2009 holte er mit dem Magdeburger Erik Leue den WM-Titel über 1000 Meter. Aber Wylenzek ist wie Gebhardt ein Rechtsfahrer. Das Boot ist also ein Russen-Zweier, wie es im Kanu-Volksmund und in Anlehnung an der einst russischen Fahrweise genannt wird.

"Diese Konstellation genießt nicht das höchste Ansehen beim DKV“, sagt Gebhardt lächelnd. Auch dehalb: „Man muss viel Glück haben mit dem Wind.“ Wind von der linken Seite erschwert es nämlich, die Balance im Zweier zu halten. Trotzdem soll diese Konstellation anderen Besetzungen Druck machen.

Denn der DKV hat für die Rangliste im April in Duisburg bereits festgelegt, wer um den Olympiastart kämpfen wird. Gleich drei Kanuten in Grün-Rot haben die Chance: Yul Oeltze mit Peter Kretschmer, Michael Müller mit Conrad Scheibner, Gebhardt mit Wylenzek. Und außerdem: Sebastian Brendel mit Tim Hecker. Es könnte auch ein Finale bei einer Weltmeisterschaft sein in Anbetracht dieses starken Niveaus. Am Ende aber kann es nur ein Boot geben, das nach Tokio paddelt. „Der Konkurrenzkampf hat bereits in Belek begonnen“, berichtet Gebhardt über die gemeinsamen Einheiten der Boote in der Türkei.

Bis es allerdings soweit ist, will Gebhardt zunächst an seinen Defiziten arbeiten. „Ich habe versucht, meine Technik umzustellen, ich richte mich immer noch zu spät auf“, berichtet er. Er hat zudem darauf geachtet, im gleichbleibenden Herzschlag zu fahren. „Denn oft habe ich entweder ober- oder unterschwellig trainiert.“

Das Herz wird zunächst im April höher schlagen, privat wie sportlich. Sollte sich der Traum von Olympia nicht erfüllen, „sollte trotzdem ein internationaler Start möglich sein“, blickt Gebhardt voraus. „Denn nach den Spielen werden noch die Weltmeisterschaften ausgetragen.“ Im September im dänischen Kopenhagen nämlich. Es wird also ein euphorisches Jahr für Gebhardt, in das sein aktueller Partner übrigens ebenfalls mit seinem Geburtstag gestartet ist. Tomasz Wylenzek wurde am 9. Januar 38 Jahre.