Magdeburg l Armin Lemme hat mal die schöne Geschichte von seinem persönlichen Rekord erzählt. Und wenn man dem 63-Jährigen genau zugehört hat, dann klang ganz viel Nostalgie und Schwärmen und Freude in seiner Stimme. Diese Bestweite stellte er am 10. Juli 1982 auf. Als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt hieß. Und als dort 50 000 Zuschauer im Stadion bei einem Länderkampf seinen Wurf beobachten durften.

Ein leises Lüftchen wehte von rechts herein ins Rund. Und Lemme, zarte 26 Jahre jung, katapultierte die Zwei-Kilo-Scheibe auf 68,50 Meter. Das ist 17 Zentimeter weiter als der Bestwert seines langjährigen Schützlings Martin Wierig und 2,64 Meter weiter als der Rekord von David Wrobel. Aber Lemme wünscht seinen Männern natürlich eines Tages solch einen großen Wurf – wenn nicht bei den deutschen Meisterschaft am Wochenende in Berlin, dann bei der Weltmeisterschaft vom 28. September bis 6. Oktober in Doha (Katar).

13. Teilnahme bei nationaler Meisterschaft

Das würde ihm Wierig natürlich gerne nachmachen, allerdings ist seine Stadionweite noch ein Stück von Lemmes Rekord entfernt. In jener Kategorie stehen 66,83 Meter für den Diskus-Hünen vom SC Magdeburg in der Statistik. Erzielt in Berlin, erzielt im Olympiastadion. Martin Wierig mag das Stadion. „Ich habe bei meinen Istaf-Starts durchweg positive Erfahrungen gemacht“, erklärt er.

Der 3. August des Jahres 2019 könnte nun ein guter Tag für eine neue Glückzahl werden. Allerdings nicht unbedingt in der Weite. Es könnte für ihn bei seiner 13. Teilnahme an einer nationalen Meisterschaft endlich mit dem Titelgewinn klappen. Nach sechsmal Silber, bei denen „immer der Name Harting ganz oben stand“, erinnert sich Wierig: „Einmal Christoph, fünfmal Robert.“

Familie unterstützt Wierig

Aber selten hat die Ausgangsposition so sehr für Martin Wierig gesprochen wie in diesem Jahr: „Ich bin in dieser Saison von keinem Deutschen geschlagen worden“, blickt er nämlich zurück und zugleich voraus: „Das soll auch bei den Meisterschaften so bleiben.“

Dazu hat er sich reichlich Unterstützung eingeladen. Allein 25 Eintrittskarten verteilte Wierig an die Familie und an die Freunde. „Ganz viele Leute kommen nach Berlin, darüber freue ich mich wahnsinnig“, sagt er. „Denn diese Unterstützung ist mir sehr wichtig. Und ich möchte zeigen, dass sie alle nicht umsonst gekommen sind.“ Und dies nicht mal mit dem Titel, vielmehr mit einem weiten Wurf zur WM. „Denn das bleibt das Hauptziel: Ich möchte zum ersten Mal nach 2015 wieder einen Endkampf bei einer WM erreichen“, betont der Magdeburger.

Kein Leistungsabfall

Er hat ja allen Grund, optimistisch zu sein. Er liefert in dieser Saison konstant ab. Er hat nicht diesen Leistungsabfall erlebt wie im vergangenen Jahr, als ihm letztlich 20 Zentimeter zur Teilnahme an den Europameisterschaften in Berlin fehlten. „Wir haben die richtigen Schlüsse gezogen“, erklärt Wierig zur Analyse mit seinem Coach Lemme. Und diese in die Trainingssteuerung eingearbeitet und umgesetzt. Erkenntnis: „Das ist uns gut gelungen.“

So startete Wierig eben nicht wieder mit einem durchgehend starken Wettbewerb und Saisonbestleistung in die Freiluft-Serie wie in den vergangenen Jahren. „Es war sogar ganz gut, dass der erste Wettkampf eher suboptimal gelaufen ist“, erklärt der 32-Jährige. In Schönebeck im Mai hatte er nur zwei gültige von sechs Versuchen. Aber in einem wiederum brachte er die Scheibe auf 66,04 Meter. Und damit steht er nach wie vor ganz oben in der deutschen Rangliste.

Spitze ist eng beisammen

Ein Blick auf diese verrät ihm außerdem: „An der Spitze ist natürlich alles eng beisammen, Platz eins bis drei trennen knapp 20 Zentimeter. Und alle wollen deutscher Meister werden.“ Der Olympiasieger Christoph Harting hat bislang kaum überzeugt, aber einen Wurf auf 66,01 Meter gebracht. Wierigs Teamgefährte David Wrobel ist mit 65,86 Metern ebenso im Goldrennen dabei. Auch Daniel Jasinski, der Bronzegewinner von Rio 2016, hat seine Teilnahme gemeldet. Allerdings ohne Saisonwert. Der Leverkusener musste bislang alle Starts verletzungsbedingt absagen.

Wer, wie, was – das interessiert Martin Wierig nicht. Ihn interessiert nur die WM. Und wer weiß schon, ob nicht ein leises Lüftchen von rechts am Sonnabend ab 18.10 Uhr weht, das den Diskus in Richtung Marathontor hinaustreibt. Es muss keine Weite für Lemme sein. Es reicht eine Weite für Doha. Und ein Platz unter den besten drei. Wenngleich Wierig lächelnd sagt: „Mit meiner Vita hätte ich es eigentlich mal verdient, Meister zu werden.“