Magdeburg l Marko Hübenbecker ist immer für eine gute Geschichte gut. Für Geschichten wie die von seinem Handyweitwurf-Weltrekord, den er vor einigen Jahren mit 83,23 Metern aufgestellt hat. Für Geschichten wie die von seinem Sturz am Start beim Weltcup in Lake Placid (USA) im November 2012, als ihn Alexander Mann und Alexander Rödiger mit einem festen Griff in den großen Schlitten hievten, bevor sich der Bob mit 140 Kilometern pro Stunde den Weg durch den Eiskanal bahnte. Was bei Hübenbeckers Geschichten immer garantiert ist: ein herzliches Lachen.

Am Donnerstag vergangener Woche hat er wieder gelacht. Er saß mit Frau Aileen und den Söhnen Jonas und Marvin im Auto, rauschte über die Autobahn 8 in Richtung Urlaub in Bischofshofen (Österreich), während einige 100 Kilometer nördlich in Oberhof die Anspannung bei den Anschiebern des Bob- und Schlittenverbandes vor dem ersten Leistungstest stieg. „Das ist ein ganz neues Gefühl“, sagt er.

Ein bisschen Wehmut ist dabei

Der 33-Jährige vom Mitteldeutschen Sportclub (MSC) schiebt nämlich nicht mehr. Er hat seine Karriere beendet. „Natürlich ist ein bisschen Wehmut dabei, wenn man 20 Jahre lang Leistungssport betrieben hat“, sagt „Hübi“. „Aber mit zwei Kindern ist irgendwann auch mal gut.“

Den ursprünglichen Plan vom Abschied musste Hübenbecker also aufgeben. Die Weltmeisterschaft 2020 in Altenberg muss ohne ihn stattfinden. Dort, wo er seinen ersten Weltcupsieg gefeiert hat, sollte sich der Kreis schließen. „Aber die Leistung stimmt nicht mehr, die Wehwehchen häufen sich“, berichtet er. „Die Schlitten werden immer aerodynamischer. Und da ich nicht mehr der Jüngste bin, reicht es irgendwann nicht, sich noch zu quälen.“ Nun ist die Qual vorbei.

Der unsichtbare Helfer im Fokus

Marko Hübenbecker war nicht nur Diskuswerfer in seinem sportlichen Leben, er war nicht nur ein Anschieber, der einen kompletten WM-Medaillensatz im Viererbob gewonnen hat. Der 1,96-Meter-Hüne hat die Rolle des unsichtbaren Helfers im Schlitten in den öffentlichen Fokus gerückt. Während früher vornehmlich die Piloten ihre Resümees zum Abschneiden zogen, dürfen nun auch ihre Anschieber auf der Seiten- oder Bremsposition ihre Gedanken regelmäßig äußern.

Hübenbecker konnte dabei nicht nur schöne Geschichten erzählen, Hübenbecker konnte auch immer Emotionen. Die positiven wie die negativen, mit denen er in seinem schönsten Moment, aber auch in seiner bittersten Stunde nie zurückgehalten hat.

Größter Erfolg, größte Niederlage

Wie am 3. Februar 2013: „Der Titel bei der WM in St. Moritz, an der Geburtsstätte des Bobsports, war natürlich der größte Erfolg“, sagt Hübenbecker. Nach dem letzten Lauf hatte er seinen Piloten Maximilian Arndt kräftig auf die rechte Schulter geschlagen, hatte imposant gejubelt und in alle Richtungen ein „Ja Mann!“ geschrien.

Oder wie am 23. Februar 2014: „Das war meine größte Niederlage“, erinnert sich Hübenbecker an den sechsten Platz bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi. Inzwischen ist er mit seinem Viererteam auf Rang vier hochgestuft worden, weil die Russen Alexander Subkow und Alexander Kasjanow später des Dopings überführt wurden. „Das macht es aber nicht besser.“

Neuer Präsident des MSC

Hübenbecker trauert der vergebenen Chance auf eine olympische Medaille nicht mehr nach. Dazu ist er zu schnell im neuen Alltag angekommen. „Jetzt schiebe ich keinen Bob mehr, sondern allenfalls die gegnerischen Fußballfans vom FC Rot-Weiß Erfurt in den Zug“, sagt er zu seiner neuen beruflichen Aufgabe als Polizeihauptmeister am Bahnhof der thüringischen Landeshauptstadt, die er übrigens gemeinsam mit Olympiasiegerin Anja Schneiderheinze bewältigt. „Ich habe jetzt einen geregelten Tagesablauf. Ich habe Haus und Garten. Ich bin jetzt ein ganz normaler Mensch“, sagt Hübenbecker, der mehr als die Hälfte seines Lebens in gewisser Weise als Maschine funktionieren musste.

Aber er funktionierte eben auch so gut, dass der MSC bei seiner Gründung im April 2011 jenen Marko Hübenbecker als erstes Aushängeschild präsentierte. Und repräsentieren wird er in Zukunft auch den Verein. Denn Hübenbecker hat Thomas Schneider als Präsident abgelöst, Schneider bleibt dem MSC aber als Organisator erhalten. „Ich wollte mich in einer Funktion weiter für den MSC engagieren“, sagt Hübenbecker. „Ich muss mich in die Geschichte aber erst einmal reinlesen.“ Gewiss. Und er wird auch darüber eines Tages Geschichten erzählen können – ein herzliches Lachen inklusive.