„Zweites Zuhause“

Deutschlands Medaillenschmiede: Kienbaum - das Olympische und Paralympische Trainingszentrum für Deutschland – ist rund 35 Kilometer östlich von Berlin gelegen. Hier finden Athleten verschiedenster Sportarten auf einem 60 Hektar großen Gelände perfekte Bedingungen vor: Vier Ballspielhallen, mehrere Leichtathletik- und Fußballplätze, ein Schwimmbad, ein Werferhaus, Kraft- räume, Anlagen für Beachvolleyball, Bogenschießen und Tennis sind vorhanden. Eine Kanustrecke ergänzt das Ganze perfekt.

Ausstattung: Das Sportzentrum Kienbaum ist barrierefrei. Es verfügt über 187 Zimmer mit rund 404 Betten. Für die Regeneration stehen mehrere Saunen, ein Whirlpool, ein Solarium und sogar eine Kältekammer mit einer Temperatur von bis zu minus 110 Grad zur Verfügung.

Dauergast: SCM-Diskuswerfer Martin Wierig bezeichnet Kienbaum als sein „zweites Zuhause“. Auch in der Vorbereitung auf die WM im August wird sich der 30-Jährige hier den Feinschliff holen. Gleiches gilt für die Kanuten Yul Oeltze, Michael Müller, Nina Krankemann, Jasmin Fritz und Felix Gebhardt. (jb)

Kienbaum l Sicherheitskontrollen, Akkreditierungsausgabe, heruntergelassene Schranke, schwarzgekleidete Männer. Schon am Zugang zum riesigen, 60 Hektar umfassenden Trainingszentrum in Kienbaum ist zu spüren, dass an diesem Tag alles anders ist. Sonst kommen hier Medienvertreter – nach formloser Anmeldung – problemlos rein. Das strenge Einlass-Prozedere, das ein „hoher Besuch“ eben so mit sich bringt, erinnert ein bisschen an die Sicherheitskontrollen aus längst vergangenen Zeiten, als an ebendiesem Ort die bestgehüteten Geheimnisse des DDR-Sports verborgen waren: Unterdruckkammer zur Simulation des Höhentrainings, Strömungskanäle für Schwimmer und Boote oder medizinische Laboratorien.

Heutzutage herrscht Transparenz. Und das ist richtig so. Schließlich wird die hypermoderne Medaillenschmiede, die einem kleinen olympischen Dorf gleicht, seit 1992 üppig durch das Bundesinnen-ministeriums gefördert. Der Betrieb habe in über 25 Jahren 45 Millionen Euro verschlungen. „Dazu wurden 61 Millionen Euro neu investiert“, gibt Gerhard Böhm, Abteilungsleiter Sport des Bundesinnenministeriums, noch vor dem Eintreffen der Kanzlerin zu Protokoll.

Rundgang im Sauseschritt

Die wird später nach ihrem minutiös durchgeplanten Rundgang im sportlichen Sauseschritt zufrieden feststellen: „Ich war vor sieben Jahren das letzte Mal hier. Ich sehe, Kienbaum ist stark vorangekommen. Aber wer ganz vorne sein will, braucht eben optimale Rahmenbedingungen. Und ich sehe, die Gelder sind gut investiert.“ Kienbaum sei „ein Platz, an dem gelungene Sportförderung sichtbar ist“.

Auch künftig sei alle zwei Jahre eine umfangreiche Förderung im siebenstelligen Bereich geplant, rührt Böhm die Werbetrommel für das Prestigeobjekt, das nunmehr den Namen „Olympisches und Paralympisches Trainingszentrum für Deutschland“ trägt. „Kienbaum ist weltweit eine Marke. Und damit das so bleibt, wollen wir nicht basteln, wir wollen klotzen.“

In der Tat präsentiert sich das Sportzentrum, 35 Kilometer östlich von Berlin, wie aus dem Ei gepellt. Grün angemalt musste der frisch gestutzte Rasen ob der staatstragenden Stippvisite sicher nicht werden. An diesem idyllischen Ort, der in den druckfrischen Prospekten des Trainingszentrums als „Oase der Ruhe“ gepriesen wird, strotzt die Natur an diesem sonnigen Dienstag nur so vor Kraft.

Ganz wie die muskelgestählten Modellathleten, die sich hier oft wochenlang im Schweiß ihres Angesichts auf die Saisonhöhepunkte vorbereiten. Auch die Asse des SC Magdeburg wissen die Vorzüge Kienbaums nach wie vor zu schätzen.

(K)ein Selfie mit Frau Merkel

Und zu hassen. Kanute Yul Oeltze, dem noch der knüppelharte Konditionslehrgang mit fünf bis sechs Trainingseinheiten am Tag in den Knochen steckt, ist bei der am Ende doch eintönigen Quälerei jede Abwechslung willkommen. „Die Kanzlerin trifft man ja auch nicht alle Tage. Da ist schon was Besonderes und der Respekt ist groß“, gesteht der frischgebackene Europameister und weiß nicht so recht, ob er das Staatsoberhaupt um ein „Selfie“ bitten darf.

Oeltzes Zweier-Partner Peter Kretschmer hat indes schon eine Idee, was er die Kanzlerin fragen würde, wenn er dürfte: „Ich würde wissen wollen, warum ein so wirtschaftlich starkes Land wie Deutschland einen Olympiasieger weitaus weniger wertschätzt als Nationen, denen es wesentlich schlechter geht.“ Gute Beispiel hätte der 25-jährige Olympiasieger von London 2012 auch parat. „Den Rumänen war Gold in Rio 100.000 Euro wert. Die Armenier sollen sogar 700.000 Euro als Siegprämie ausgelobt haben.“

Doch weder Oeltze noch Kretschmer werden die Gelegenheit bekommen, Angela Merkel ihre Wünsche nahezubringen. Als die um 16.48 Uhr per Hubschrauber eingeschwebte Kanzlerin im kornblumenblauen Blazer und in weißer Stoffhose der schwarzen Limousine entsteigt, verläuft alles streng nach vorgegebenem Protokoll. Auch beim Besuch des Sommerfestes sind persönliche Kontakte ausdrücklich „unerwünscht“.

Ganze sieben Minuten sind für die Kanuten eingeplant. „Das ist einer der schöneren Tage“, ruft die gut gelaunte Politikerin Oeltze & Co., als Flotte dekorativ auf dem Liebenberger See drapiert, vom Bootssteg aus zu. Sie winkt, huldigend wie die Queen. Im Glanz erfolgreicher Sportler sonnt es sich bekanntlich immer gut. Die Politikerin schaut sich interessiert ein pinkfarbenes Kajak an, lässt sich das Steuern erklären. Was gesprochen wird, ist aus der Entfernung hinter der Absperrung nicht zu hören.

Werbung in eigener Sache

Verbands-Präsident Thomas Konietzko rekapituliert hinterher: „Die Kanzlerin war sehr gut informiert, auch über die neuesten Erfolge vom Wochenende bei der EM.“ Der Funktionär aus Bitterfeld wertet es selbstbewusst als „ein großes Zeichen der Anerkennung, dass uns die Kanzlerin als Erste besucht hat“. Er habe trotz knapp bemessener Zeit anbringen können, „dass wir mehr Geld brauchen, wenn wir weiter mit der Weltspitze mithalten wollen. Und Frau Merkel hat zumindest nicht Nein gesagt, sondern zustimmend genickt.“

In der neuen Turnhalle zeigt sich das Staatsoberhaupt dann häuslich. Ehe sich das Corps von Anzug- und Kostümträgern versieht oder die blauen „Krankenhausschuhe“ überstülpt, hat sich die Kanzlerin bereits die Schuhe ausgezogen. In Stümpfen schreitet sie über die riesige, blaue Filzmatte auf die Turn-Asse um Fabian Hambüchen zu. Und es macht sie sehr sympathisch, dass sie sich sofort bei Marcel Nguyen, der nach einer Kreuzband-Operation an Krücken läuft, nach dem Befinden erkundigt. Als Reck-Spezialist Andreas Bretschneider am Gerät wilde Schrauben dreht, hält die Kanzlerin erst erschrocken den Atem an, schlägt die Hände vors Gesicht und klatscht dann begeistert Applaus. „Boah!“

Auf der Festwiese wird anschließend aus dem Nähkästchen geplaudert. Dabei verrät Angela Merkel, dass sie seit DDR-Zeiten im Besitz eines Angelscheins ist, und, wer hätte das gedacht, damals „sogar Kassiererin vom Angelverein“ war. Alles lacht. Die Kanzlerin versteht es eben, Wahlkampf auf ihre eigene Art zu verpacken.