Kailua-Kona (dpa) - Sebastian Kienles Sehnsucht nach dem Glücksgefühl vom Ironman-Triumph auf Hawaii vor vier Jahren ist "extrem groß". Das sagte der 34-Jährige in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur vor dem WM-Rennen am Samstag (18.35 Uhr MESZ).

Nach dem verletzungsbedingten Startverzicht von Superstar und Kumpel Jan Frodeno ist Kienle praktisch der erste deutsche Herausforderer von Titelverteidiger und Landsmann Patrick Lange.

Wie oft denken Sie in diesen Tagen auf Hawaii an ihren Sieg 2014 zurück?

Sebastian Kienle: Man denkt schon relativ häufig an den Sieg zurück. Vor allen Dingen natürlich, weil man relativ häufig danach gefragt wird. Wenn man die Pahlavi Road oder den Alii Drive entlangläuft, dann gibt es schon sehr viele Anreize, nochmal daran zurück zu denken. Vorne am Pier, wo auch der Schwimmstart ist, sind auch die Aufsteller von den vorherigen Siegern. Wenn man da vorbeiläuft und sich nochmal selbst sieht, treibt einem das schon das Lächeln ins Gesicht und macht einen Stolz, dass man es schon einmal geschafft hat.?

Treiben Sie diese Erinnerungen an oder eher die Gedanken an die Rennen, in denen Sie sich geschlagen geben mussten?

Kienle: Es ist eine Kombination aus beidem. Mir geben die Rennen, die ich in Anführungszeichen verloren habe, schon die größere Motivation. Andererseits gibt mir der Sieg irgendwo die Sicherheit, dass ich es ja schon mal geschafft habe und damit vielleicht auch ein kleines Stückchen mehr Lockerheit und vielleicht ein Schuss mehr Risikobereitschaft im entscheidenden Moment habe. Natürlich gibt es auch das Selbstvertrauen, mir selbst schon gezeigt zu haben, dass ich das kann. Und dann ist es sicher einfacher sich auch einzubläuen, dass man es auch nochmal kann, wenn man es einmal geschafft hat.

Wie ist Ihre Vorbereitung verlaufen?

Kienle: Die Vorbereitung ist insgesamt sehr, sehr gut verlaufen. Wir haben ein paar kleine Änderungen vorgenommen. Ich habe die Mitteldistanz-Weltmeisterschaft, die ich schon zweimal gewinnen konnte und zweimal als Vizeweltmeister beenden konnte, dieses Jahr ausgelassen in Südafrika. Ich war dafür länger in der Höhe zum Trainieren in Livigno. Ich glaube, es war eine gute Kombination, den Körper zu stressen und den Geist zu schonen, sozusagen ein hartes Training in einer sehr schönen Umgebung.

Hier habe ich ein kleines bisschen mit Achillessehnenproblemen zu kämpfen, die mich auch schon in den letzten vier Jahren leider sehr hartnäckig verfolgt haben. Aber ich weiß, wie ich damit umgehen kann und muss. Und dass es für mich kein Anlass ist, mir übermäßig Sorgen zu machen. Ich habe in der Vergangenheit schon mit einer eher suboptimalen Vorbereitung sehr gute Ergebnisse gezeigt und im letzten Jahr zum Beispiel, als die Vorbereitung fürs Laufen extrem gut gegangen ist, war es eigentlich einer meiner schlechtesten Marathons. Dementsprechend probiere ich, mir das selbst schön zu reden. Das ist auch eine der Künste, die man hier beherrschen muss.

Wie sehr bedauern Sie, dass Jan Frodeno in diesem Jahr nicht dabei sein kann?

Kienle: Natürlich ist das für uns alle schade. Vor allen Dingen auch für den Sport, da Jan einfach eine der Galionsfiguren ist und damit immer auch eine gewisse Medienaufmerksamkeit einhergeht. Ihn zu schlagen, ist eine der größten Trophäen, die man sich im Moment in unserem Sport an die Wand nageln kann. Natürlich hätte ich gern die Chance gehabt, ihn hier zu schlagen. Das ist ganz klar. Dazu kommt, dass er für mich immer noch ein Freund ist. Deswegen tut es mir für ihn persönlich unheimlich leid. Er wäre hier auf jeden Fall der gewesen, den es zu schlagen gegolten hätte. Richtig ist natürlich auch, dass es für uns alle anderen die Chancen erhöht, als Weltmeister nach Hause zu gehen und das ist letztendlich das Ziel.

Wie sehr beeinflusst die Laufstärke von Patrick Lange ihre Rennplanung?

Kienle: Die Laufstärke von Patrick? beeinflusst natürlich die Rennplanung. Es ist sicher nicht optimal, mit ihm vom Rad zu steigen, das ist klar. Aber da spielen sehr viele Parameter eine Rolle. Zum Beispiel ist Jan mit Patrick in Frankfurt in diesem Jahr zusammen vom Rad gestiegen und hat ihn dann eigentlich schon ganz schön zerstört beim Marathon. Es wird drauf ankommen, ob Patrick auf dem Rad arbeiten muss oder ob er sich eher größtenteils verstecken kann. Das hängt auch von vielen anderen Athleten in dem Rennen ab. Ich sag mal, man weiß, dass da hinten jemand ist, der notfalls auch zehn Minuten schneller laufen kann als man selbst. Und das beeinflusst auf jeden Fall die Rennplanung. Man kann sich eigentlich bis zum Schluss nie sicher fühlen.

Wie viel Prozent sind Kopfsache, Willen, Motivation bei einem Ironman und wie viel macht die Physis aus?

Kienle: Das ist immer schwierig zu beziffern, aber es ist ganz klar so, dass hier vielleicht zehn Leute innerhalb von einem Prozent der körperlichen Leistungsfähigkeit sind. Am Ende aber deutlich mehr wie ein Prozent zwischen den Zeiten liegen. Wenn man das Rennen gewinnen will, muss alles zusammenpassen. Am Ende muss man schon sagen, dass es nur noch der blanke Wille und die mentale Stärke sind, die einen gewinnen lassen.

Und wie groß ist Sehnsucht, das Glücksgefühl von 2014 zu wiederholen?

Kienle: Die Sehnsucht nach dem Glücksgefühl ist extrem groß. Das muss man ganz klar sagen. Wahrscheinlich noch größer, als bei jemandem, der noch nicht weiß, wie sich das anfühlt. Ich war ja in den letzten drei Jahren eigentlich immer relativ nah dran. Ich war eigentlich auch immer in der Form, die Rennen unter Umständen auch gewinnen zu können. Aber ich habe es nie nochmal geschafft. Diese Sehnsucht nach dem Gefühl ist irgendwie das, was einen antreibt.

Zur PERSON: Sebastian Kienle (34) kommt aus Mühlacker. Er gehört seit Jahren zu den besten Langdistanz-Triathleten der Welt. Er gewann 2014 die WM auf Hawaii. Im Jahr darauf wurde Kienle Achter, 2016 kam er hinter Jan Frodeno auf den zweiten Platz. Vor einem Jahr verpasste Kienle, der auch zweimaliger Ironman-Europameister und zweimaliger Halbdistanz-Weltmeister ist, als Vierter das Podest.

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