Doha (dpa) - Katar steht weiter in der Kritik. Der WM-Gastgeber hat die Lage ausländischer Arbeiter nach Ansicht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International verbessert, setzt die Reformen aber nur unzureichend um.

Zudem werden einheimische Arbeitgeber bei Verstößen häufig nicht zur Rechenschaft gezogen, wie es in einem am Mittwoch veröffentlichten Amnesty-Bericht zwei Jahre vor Beginn der Fußball-WM in dem reichen Emirat heißt. Dadurch seien Tausende Arbeiter weiter der Gnade skrupelloser Arbeitgeber ausgesetzt, deren Missbräuche straflos blieben.

Amnesty begrüße die Arbeitsmarktreformen grundsätzlich, sagte die Golf-Expertin der Organisation, Regina Spöttl. "Wenn sie richtig umgesetzt würden, dann wären viele problematische Aspekte beseitigt. Bei der Umsetzung hapert es allerdings, sie erfolgt nur halbherzig." Wenig getan habe sich vor allem beim Hauspersonal.

Das Emirat hatte nach anhaltender internationaler Kritik Reformen beschlossen, die die Lage der Arbeitsmigranten verbessern sollen. So baute Katar das Kafala-System ab. Dieses auch in anderen Ländern der Region verbreitete System bindet ausländische Arbeiter fest an einen einheimischen Bürgen wie einen Arbeitgeber. In Katar können Migranten nun ohne Zustimmung ihres Arbeitgebers ausreisen oder den Job wechseln. Zudem legte das Land einen Mindestlohn fest. Die UN-Arbeitsorganisation ILO sprach von einem "historischen Schritt".

Amnesty führt in dem Bericht allerdings die noch immer bestehenden Missstände auf. Bislang hätten die Reformen ihre Versprechen nicht eingelöst. So lange dies nicht geschehe, bleibe die Realität für die Arbeiter hart.

KAFALA-SYSTEM: "Das Kafala-System hat zwar einen anderen Namen bekommen, besteht in seinen Grundfesten aber weiter", kritisiert Spöttl. So müssen Hausangestellte ihre Arbeitgeber 72 Stunden vorab informieren, wenn sie ausreisen wollen, weil sie etwa die Arbeitsbedingungen nicht ertragen. Dadurch hätten Arbeitgeber Zeit, Vergeltung zu üben, klagt Amnesty. Sie könnten Angestellte beschuldigen, sich unerlaubt der Arbeit entzogen oder gestohlen zu haben. Dann liefen die Betroffenen Gefahr, in Haft zu landen. Migranten könnten ihre Aufenthaltsgenehmigung auch nicht allein erneuern. Der Arbeitgeber wiederum könne diese weiterhin widerrufen. Viele Arbeitgeber konfiszierten immer noch die Pässe der Migranten.

AUSBLEIBENDE UND NIEDRIGE LÖHNE: Viele Migranten litten weiter darunter, ihre Löhne verspätet oder gar nicht zu erhalten, schreibt Amnesty. Das habe fatale Auswirkungen auf die Betroffenen. So konnte ein Arbeiter die Schulgebühren seines Sohnes nicht mehr bezahlen. Betroffen davon waren Amnesty zufolge in diesem Jahr auch rund 100 Migranten, die auf einer WM-Stadionbaustelle im Einsatz waren. Einige hätten mehrere Monatslöhne noch immer nicht bekommen. Auch der Mindestlohn von 1000 Rial (etwa 230 Euro) sei zu niedrig, monierte Spöttl. "Der Mindestlohn ist an allen Ecken und Enden unzureichend."

HAUSANGESTELLTE: Hier sieht Amnesty den größten Handlungsbedarf. "Bei den Hausangestellten hat sich wenig getan", sagte Spöttl. "Gegen sie werden noch immer eklatante Verbrechen begangen. Sie müssen bis zu 18 Stunden am Tag arbeiten und bekommen keine freien Tage. Sie werden misshandelt, beschimpft und Opfer sexualisierter Gewalt." Arbeitgeber würden für Verstöße praktisch niemals zur Rechenschaft gezogen.

Insgesamt sieht Amnesty aber positive Auswirkungen der Fußball-WM in Katar, womit auch der Fußball-Weltverband FIFA die Vergabe des Turniers in den reichen Golf-Staat gerechtfertigt hatte. "Ohne die WM hätte sich wahrscheinlich nichts geändert", sagt Spöttl. "Das Land ist auf einem guten Weg, auch wenn noch vieles im Argen liegt."

In Katar leben laut Amnesty International rund zwei Millionen Arbeitsmigranten. Sie kommen vor allem aus armen Ländern wie Bangladesch, Nepal oder Indien. Katar hatte die Kritik an den Arbeitsbedingungen immer wieder zurückgewiesen und auf Reformen im Vorfeld der WM verwiesen. Das Turnier beginnt am 21. November 2022.

© dpa-infocom, dpa:201117-99-366299/4

Amnesty International