Düsseldorf (dpa) - Eine kuriose Datums-Kombination sorgt bei den paralympischen Sportlern und Funktionären derzeit für gemischte Gefühle: Am Dienstag sollten eigentlich die Paralympics in Tokio beginnen, stattdessen ist es nun am Montag genau ein Jahr bis zum geplanten Start der Spiele 2021.

Die Deutsche Presse-Agentur sprach mit dem Präsidenten des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), Andrew Parsons, und dem Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), Friedhelm Julius Beucher.

Rufen die beiden Daten eher Wehmut oder Vorfreude hervor?

Beides. "Es ist seltsam, zum zweiten Mal "Ein Jahr vor den Spielen zu feiern"", sagt Parsons: "Aber um traurig zu sein, ist keine Zeit. Wir arbeiten seit der Verschiebung an der Planung für 2021." Beucher sagt: "Die Riesen-Enttäuschung wird gedämpft durch die Gewissheit, dass die Absage alternativlos war. Wir nähern uns dem Jahrestag mit Vorfreude, aber auch weiter mit vielen Fragen und Zweifeln." Die Sportler kämpfen trotz großer Probleme tapfer gegen Pessimismus. "Paralympische Athleten haben jeden Tag mit Widerständen zu kämpfen", sagt Parsons: "Sie sind Meister darin."

Ist die Austragung der Spiele 2021 erneut gefährdet?

Sicher ist sie keineswegs. "Wir spüren die Bedrohung, dass die Spiele möglicherweise wieder abgesagt oder verschoben werden müssen", sagt Beucher: "Die Gesundheit der Sportler steht über allem. Wenn es eine geringe, aber vorhandene Gefährdung gibt, können keine Spiele stattfinden." Er wolle "eine zweite Absage aber nicht herbeireden, sondern positiv denken. Wir nähern uns zaghaft und mit angezogener Handbremse wieder dem Wettkampfsport." Darauf verweist auch Parsons: "Ich sehe das realistisch. Aber meine Vorfreude ist größer als meine Sorge, weil der Sport langsam zurückkommt."

Gibt es eine Deadline für die Entscheidung über die Austragung?

Eine solche will man bewusst nicht festlegen. "Weil wir wissen, dass sich die Umstände dauernd ändern", sagt der IPC-Präsident: "Wir treffen eine Entscheidung, wenn wir sie gewissenhaft treffen können."

Wäre eine weitere Verschiebung auf 2022 denkbar?

Ja, aber unwahrscheinlich. "Wir beschäftigen uns nicht mit Plan B, solange Plan A noch auf dem Tisch ist", sagt Parsons ausweichend und berichtet: "Viele Sportler beobachten die Entwicklung mit Sorge, weil wir nicht wissen, ob es 2022 eine neue Chance geben könnte. Und auch ich sorge mich, weil ich weiß, was eine endgültige Absage für die paralympische Bewegung bedeuten könnte."

Manche Behindertensportler gehören zu Risiko-Gruppen. Ist es denkbar, dass die Paralympics ausfallen, obwohl Olympia stattfindet?

"Klares Nein", sagt Parsons: "Entweder wird es Olympia und die Paralympics geben oder nichts von beidem." Auch Beucher sagt: "Es wird keine isolierte Absage geben können."

Ist die Streichung einzelner Wettbewerbe denkbar?

Derzeit nicht, obwohl manche Para-Sportler eher zur Risiko-Gruppe gehören. "Das heißt aber, dass die Folgen dramatischer sein können", sagt Parsons: "Das Risiko, das Virus zu bekommen, ist gleich groß. Und die Spiele als Ganzes werden nur stattfinden können, wenn wir die Sicherheit aller Sportler gewährleisten können." Der IPC-Boss weiß auch, "dass die Spiele von einem Tag auf den anderen beendet würden, wenn wir Corona-Fälle im paralympischen Dorf hätten".

Müssen die Paralympics 2021 ohne Zuschauer ausgetragen werden?

Für Parsons auf keinen Fall. "Das ist derzeit nicht mal unser Plan C", versichert er: "Das begeisterte Publikum machte einen großen Teil der Magie bei den letzten Spielen aus." Beucher hält eine Zuschauer-Reduzierung derweil für möglich. "Der Sport hat sich nicht nach seinem Eigeninteresse zu richten, sondern nach den gesellschaftlichen Risiken. Am Ende sage ich: Lieber vor ein paar Zuschauern als vor zu vielen, die sich anstecken könnten."

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