Hamburg (dpa) l Manche Kinder erzählen einem mit drei Jahren schon halbe Romane. Andere sitzen in dem Alter eher stumm dabei, lassen dann und wann ein Wort fallen – oder zeigen nur auf etwas, das sie haben möchten. Wann müssen sich Eltern Sorgen machen, dass ihr Kind zu wenig spricht?

Als „Late Talker“, also späte Sprecher werden Kinder definiert, die mit zwei Jahren weniger als 50 Wörter sprechen und keine Zweiwortsätze bilden („Mama Ball!“). Eine Hör- störung oder eine andere Behinderung müssen ausgeschlossen sein, sagt die Logopädin Milena Hagemann.

Aber wie viele Wörter sprechen kleine Kinder denn durchschnittlich? Bei den meisten geht es ab 18 Monaten so richtig los: Dann findet bei Kindern die sogenannte Wortschatzexplosion statt. Ständig lernen sie neue Wörter und wiederholen alles, was Mama, Papa oder Geschwister so erzählen. Etwa 50 bis 150 Wörter umfasst ihr Wortschatz in diesem Alter. Mit drei Jahren formulieren dann fast alle Mädchen und Jungen Mehrwortsätze und können alles ausdrücken, was sie möchten.

Haben Eltern das Gefühl, ihr Kind könnte zu wenig sprechen, können sie diese Einschätzung objektivieren: zum Beispiel mit der kostenlosen Wortschatzliste, die von der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg entwickelt wurde und 57 Wörter umfasst.

Eltern können ankreuzen, welche Wörter ihr Kind schon spricht. „Ein kritischer Wert wäre beispielsweise, wenn ein Kind im Alter von 23 bis 24 Monaten weniger als 19 Wörter auf der Liste spricht“, sagt Hagemann. Auch Mehrsprachigkeit wird in der Wortschatzliste berücksichtigt, am Ende geht es um den Gesamtwortschatz.

Die Liste kann ein erster Hinweis darauf sein, dass das Kind eventuell zu den späten Sprechern zählt. Im nächsten Schritt sollten Eltern sich dann an den Kinderarzt wenden: Er kann eine Verordnung für Logopädie ausstellen.

Mit der Logopädie nicht zu lange warten

Eltern sollten sich bei einem schlechten Gefühl nicht abwimmeln lassen, rät Mariana Gnadt, die in Hamburg mit einer Kollegin eine Praxis für Logopädie führt. „Manche Kinderärzte haben noch etwas veraltete Ansichten und sagen beispielsweise, dass eine logopädische Therapie vor dem vierten Geburtstag noch keinen Sinn hat.“

Die Erfahrungen in der Praxis zeigen in eine andere Richtung: Je früher späte Sprecher eine Therapie anfangen, desto schneller holen sie den Rückstand auf. „Lieber früher und kürzer behandeln, als später und dafür viel länger“, ist Gnadts Erfahrung.

Die Stunden bei der Logopädin darf man sich nicht wie eine Unterrichtseinheit vorstellen. „Wir wollen dem Kind in dem Sinne nichts beibringen“, sagt Gnadt. Auch Aufgaben für zu Hause hätten sich als nicht wirksam erwiesen. Stattdessen versucht sie, Kindern in einer möglichst normalen Situation Impulse zu geben: „Wir füllen den Tank mit Informationen – bis er dann irgendwann überläuft“, sagt sie. Beim „Überlaufen“ fangen die Kinder dann mit dem Sprechen an.

Eltern können ihr Kind zu Hause unterstützen - zum Beispiel beim gemeinsamen Lesen im Bilderbuch. „Es geht darum, das dialogisch zu gestalten“, sagt Hagemann. Also: Worauf zeigt das Kind? Das können Mutter und Vater aufgreifen: „Ah, du siehst das Kind, das rutscht. Komm, wir suchen mal das Kind, das springt.“

Kontraproduktiv ist es dagegen, den Nachwuchs abzufragen oder zum reinen Nachsprechen zu animieren („Sag doch mal ,Blume‘!“). Warum manche Kinder später sprechen lernen als andere, ist nicht eindeutig geklärt. Weder der Bildungsstand in der Familie noch die Häufigkeit des Vorlesens scheinen Faktoren zu sein.