Kurz vor der Vereinigung 1990: Zwei Länder, ein Titel

Ganz Deutschland bejubelt seine Fußballweltmeister

Von Steffen Honig

Kollektiver Jubel vereint die Deutschen am 8. Juli 1990, knapp vier Monate vor der deutschen Einheit: In Rom hat die bundesdeutsche Fußballmannschaft den Weltmeistertitel geholt! Andreas Brehmes Treffer zum 1:0 gegen Argentien nach einem anfechtbaren Strafstoß-Pfiff löst ein Freudenfest von Flensburg bis Suhl aus. Auch diverse Ausschreitungen im Überschwang sind grenzüberschreitend.

Den Ostdeutschen fiel es umso leichter mitzufeiern, als sie zu diesem Zeitpunkt genau eine Woche im Besitz der D-Mark waren, der langersehnten harten Währung, die für ein Stück Gleichberechtigung mit den westdeutschen Landsleuten stand. Viele DDR-Bürger fieberten dem ersten Urlaub auf Mallorca oder in Italien mit dem "richtigen Geld" entgegen.

Außerdem hatte die DDR-Nationalmannschaft die WM-Qualifikation – mal wieder – nicht geschafft. Völler, Klinsmann und die anderen deutschen Kicker konnten sich also der ungeteilten Sympathien erfreuen.

Der Fußballerfolg bot im Osten auch eine kurzzeitige Ablenkung von der neuen Alltagshektik, die die Dynamik des deutschen Vereinigungsprozesses mit sich brachte. Die ersten D-Mark-Tage waren von Schlangen vor den Sparkassen, aber auch von einem Konsumrausch sondergleichgen geprägt.

Am entscheidenden Weltmeisterschafts-Wochenende wurden Geschäfte im Ost-West-Grenzgebiet und in Westberlin regelrecht gestürmt. "Aus Schauenden sind Kaufende geworden", kommentierte der damalige Berliner KaDeWe-Chef Wilhelm Stratmann den Andrang der plötzlich durch die harte Mark emanzipierten Ost-Kundschaft. Die schleppte nicht nur Fernseher und Mikrowellen aus den Läden, sondern auch Fleisch, Wurst, Käse und Jog- hurt westlicher Marken.

Dass dies dazu beitrug, der eigenen Wirtschaft den Garaus zu machen, griff erst später im Bewusstsein der Ostdeutschen Raum. Dann wenn die eigenen Arbeitsplätze in Gefahr gerieten, wie es Wochen und Monate später massenhaft der Fall war.

Auch fußballerisch gesehen geriet das DDR-System merklich ins Wanken. Erstes Auslaufmodell war schon im Sommer 1990 die Nationalmannschaft, die mit der Wiedervereinigung wenige Monate später dann tatsächlich überflüssig wurde.

Schon während der Weltmeisterschaft in Italien empfahl Berti Vogts, der dem erfolgreichen Teamchef Franz Beckenbauer als deutscher Nationaltrainer folgte, dem DDR-Fußballverband den Rückzug seiner Auswahl aus der gemeinsamen Qualifikationsgruppe für die Europameisterschaft 1992. "Ich würde lieber im November zu einem Freundschaftsspiel in Leipzig antreten", meinte Vogts.

Dem Fußball-Osten ging ohnehin die Basis aus, der Ausverkauf der Fußball-Oberliga begann. Mehr als ein Dutzend Spitzenspieler hatte zur neuen Saison Verträge mit Bundesliga-Klubs unterschrieben, so Thomas Doll (Hamburger SV), Ulf Kirsten (Bayer Leverkusen) oder Matthias Sammer (VfB Stuttgart).

Weltmeister-Macher Franz Beckenbauer, der den Triumph mutterseelenallein im Olympia-Stadion von Rom genossen hatte, verstieg sich angesichts der vereinten deutschen Fußballkräfte zu der Behauptung: "Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber wenn jetzt noch die ostdeutschen Spieler dazukommen, dann ist das deutsche Team in den nächsten Jahren nicht zu schlagen." Der "Kaiser" irrte.