In Deutschland folgt das Kohleende dem Atomausstieg, können erneuerbare Energien wirklich irgendwann das Land versorgen? Wie viel Anteil von Gas und Öl wird künftig nötig sein?
Kirsten Westphal: Das lässt sich schwer sagen und schon gar nicht in Zahlen fassen. Wir nehmen im Augenblick Abschied davon, dass die Energiewende eine Stromwende ist. Aktuell wird diskutiert, dass wir auch weiterhin Moleküle und Flüssigkeiten für den Energiemix brauchen, Wasserstoff oder andere synthetische Brennstoffe. Die Energiewende ist nicht allein mit Strom zu stemmen, nicht in Deutschland und nicht in Europa. Wir werden weiter auf Energieimporte angewiesen sein.

Warum nimmt Deutschland US-Sanktionen für die Pipeline Nord Stream 2 in Kauf, wenn auch amerikanisches Flüssiggas in Frage käme?
2015 wurde Nord Stream 2 von den beteiligten Firmen vorgestellt als ein Projekt, das ohne staatliche Finanzierung auskommt. Dafür gab es sehr klare Rahmenbedingungen in Deutschland als Anlandestaat. Damals war nicht abzusehen, dass LNG – also Flüssiggas – auch preislich immer interessanter wird. Die Bundesregierung teilt die Einschätzung der beteiligten Firmen, wonach das Projekt aus energiewirtschaftlicher Sicht viel Sinn macht, auch wenn es geopolitisch durchaus schwierig ist nach der Annexion der Krim durch Russland. Die Pipeline bringt eine Diversifizierung der Transportrouten – den ukrainischen Korridor gibt es weiter – und wir schaffen einen größeren Korridor zu neuen russischen Gasfeldern. Gleichzeitig setzt Deutschland auch auf den Import von LNG.

Wird Deutschland also Flüssiggas im großen Stil importieren?
Das ist eine Frage der Preisentwicklung, im Moment wird in Deutschland der Bau von LNG-Terminals geprüft. Dafür bräuchte Deutschland zunächst ein LNG-Terminal. Bisher kommt es etwa über Rotterdam. Die USA haben erheblichen Druck auf Berlin ausgeübt, um Nord Stream 2 zu verhindern und gleichzeitig ihr verflüssigtes Schiefergas als „Freiheitsgas“ zu propagieren. Hier ist man von deutscher Seite den USA entgegengekommen. Die Terminals sollen ans deutsche Netz angebunden werden.

Wie viele LNG-Terminals sollen wo gebaut werden?
Es sind drei Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Stade in der Diskussion. Hinzu kommt ein kleineres, sogenanntes Floating-LNG in Rostock. Welche umgesetzt werden, sind kommerzielle Entscheidungen der Firmen.

Um Rohstoffe geht es auch bei den Konflikten um den Iran. Welche Bedeutung hat das Land für die weltweite Ölversorgung heute? Könnten die Iraner selbst den Ausfall des Ölexports ökonomisch verkraften?
Der Iran ist in der Vergangenheit immer wieder unter Sanktionen gewesen – seitens der UN, der USA oder der EU. Dadurch hat sich eine gewisse Überlebenswirtschaft gebildet und das BIP ist nicht so stark vom Erdöl abhängig wie in anderen Petrostaaten. Nach der Aufkündigung des Atomabkommens haben die Amerikaner erneut Sanktionen erlassen und Irans Ölexporte sind stark eingebrochen. Wichtig ist, wohin der Iran sein Öl verkaufen kann, China etwa nimmt weiterhin signifikante Mengen ab. Aber die US-Sanktionen gegen die Ölwirtschaft sind aus meiner Sicht nicht das Entscheidende in diesem Konflikt. Die weit größere Gefahr ist die seitdem wachsende Konfliktspirale in der gesamten Region.

Da würden also die US-Sanktionen ihr Ziel verfehlen?
Eine Verhaltensänderung der betroffenen Staaten wurde nicht erreicht. Aber die US-Sanktionen haben sehr wohl große Auswirkungen – unter anderem auf die Versorgungssicherheit und Souveränität der Europäer. Denn sie treffen durch ihre staatenübergreifende Wirkung besonders europäische Firmen. Das zeigt sich vor allem im Iran sowie auch in Venezuela oder Russland. Ob Regime deshalb plötzlich eine wohlwollende und friedliche Politik betreiben, steht auf einem anderen Blatt.

Während der jüngsten der Zuspitzung der Iran-Krise gab es nur kurzzeitige Ölpreis-Ausschläge. Warum?
Die großen geopolitischen Krisen wirken sich auf den Energiemärkten nicht mehr so aus, wie wir es von früher kennen. Das liegt daran, dass die USA der weltgrößte Produzent von Öl und Gas geworden sind, was die Energiemärkte fundamental verändert hat. Dies ermöglicht den USA erst, außenpolitisch so dominant aufzutreten, wie sie es tun. Außerdem macht sich die Sorge um die Weltwirtschaft angesichts der Handelskriege bemerkbar, die von den Händlern stärker eingepreist wird als geopolitische Risiken.