Berlin l Mehrere Sender haben das große TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Herausforderer Martin Schulz (SPD) übertragen. Fast jeder zweite Fernsehzuschauer verfolgte die Debatte im Fernsehen. Ein Schlagabtausch oder Koaltionskuscheln? Wir haben die wichtigsten Themen und Statementes zusammengefasst:

Stimmung:

Warum sackt die SPD so sehr ab? Schulz begründet das mit drei verlorenen Landtagswahlen. „Das war bitter. Aber: Die Hälfte der Wähler hat sich noch nicht entschieden.“

Flüchtlinge:

Schulz wird konfrontiert mit seinem Satz: „Was Menschen zu uns bringen, ist wertvoller als Gold.“ Obwohl viele Analphabeten darunter sind. Fehleinschätzung? Nein, Schulz bleibt dabei. Daher will die SPD Schulen besser ausstatten. Schulz greift Merkel an: Ihr Fehler war es, die Europäer nicht einzubeziehen. Etwa Ungarn oder Polen.

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Schwerer Fehler? Merkel sieht es anderes. 2015 hatte Orban den Flüchtlingen die Fahrkarten wieder weggenommen. „Es gibt Momente: Da muss man als Kanzlerin entscheiden.“ Ihr war aber klar: Man braucht ein Abkommen mit der Türkei, um die Schlepper zu stoppen. Sie gesteht: Sie hat sich zu wenig gekümmert um die Lage in Flüchtlingslagern. „Das wird so nie wieder passieren.“

Schulz meint: Die EU-Mittelmeergrenzen kann man nicht schließen. „Was wir brauchen, ist ein Einwanderungsrecht.“ Damit Wirtschaftsflüchtlinge einen legalen Weg haben. Merkel kontert: Wir brauchen einen wirksamen Grenzschutz. Sie zählt dazu Partnerschaften mit afrikanischen Ländern und geschützte Auffanglager mit Hilfe der UN. Was ist mit dem Familiennachzug? Schulz: „Im Einzelfall prüfen.“ Merkel: Es gibt rechtliche Verpflichtungen. Und bei den anderen Fällen? „Wir müssen schauen, wie wir das verkraften.“

Islam:

Gehört der Islam zu Deutschland? Zwei Drittel der Deutschen sagen Nein. Merkel sagt Ja. „Ich verstehe, dass viele skeptisch sind.“ Wegen der vielen Anschläge. Aber: Vier Millionen Muslime leben hier. „Daher gehört der verfassungskonforme Islam dazu.“ Schulz sagt: Der Islam ist integrierbar wie jede andere Religion auch. Aber: Antisemitismus gehört nicht dazu. Das müsse man jungen Palästinensern klar machen.

Abschiebung:

226.500 Menschen sind ausreisepflichtig. Doch es klemmt. Merkel schiebt es auf rot-grüne Landesregierungen: Sie verhindern, dass Staaten zu sicheren Herkunftsländern erklärt werden. Schulz kontert: Die Schwarzen in Bayern schieben auch nicht alle ab. Aber: „Gefährder fliegen aus Deutschland raus.“ Mit ihm als Kanzler.

Türkei:

Schulz: „Wenn ich Kanzler bin, werde ich mich dafür einsetzen, dass die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sofort abgebrochen werden.“ Merkel: „Ich sehe den Beitritt der Türkei zur EU nicht und habe ihn noch nie gesehen.“ Anders als die SPD. Aber: „Jeder Schritt muss genau überlegt sein.“ Wenn man Menschen freibekommen will. „Aber, ob wir die Tür zuschlagen oder die Türkei die Tür zuschlägt - müssen wir sehen.“

Rente und Maut:

Deutschland boomt. Hat Schulz aufs falsche Thema gesetzt? Er verneint: zwei Millionen Arbeitslose, hohe Mieten, unsichere Jobs. Die SPD will jede Familie monatlich um 250 Euro entlasten – weil die Kita-Gebühren wegfallen sollen. Lässt Merkel die Schwächeren im Stich? Rente mit 70 will sie nicht, sagt Merkel. „Das ist sicher. An der Rente mit 67 ändert sich überhaupt nichts.“ Schulz zieht den Hut. Aber 2013 war es die Maut, die nicht kommt (jetzt kommt sie): „Schau mer mal.“ Merkel wehrt sich: Deutsche werden bei der Maut nicht mehr belastet. Schulz: „Mit mir wird diese Maut nicht kommen.“

Sachsen-Anhalt:

Thema Innere Sicherheit. Merkel sagt: Bayerns Polizisten sind besser ausgestattet als die Polizei in den meisten rot-grün regierten Ländern. Sie will daher ein Muster-Polizeigesetz für ganz Deutschland. Schulz kontert und fragt Merkel direkt: „Wissen Sie, wer 2016 die höchste Kriminalitätsrate hatte? Sachsen-Anhalt. Und das wird seit 20 Jahren von der CDU regiert. Hören Sie auf mit dem Rote-Peter-Spiel.“

Meinungen:

Wie kamen die beiden Kontrahenten an? Hier die Meinung von drei Volksstimme-Reportern:

Elisa Sowieja: "Er hat noch nicht aufgegeben. Martin Schulz zeigt sich an diesem Abend wachsam; er korrigiert den Moderator, hakt immer wieder bei Merkels Antworten ein, richtet – obwohl vom Format nicht vorgesehen – auch direkt eine Frage an seine Gegnerin. So schafft er es, sie auch mal aus der Reserve zu locken,  ringt ihr bei Flüchtlingen sogar das Zugeständnis ab, dass sie doch nicht  alles genauso nochmal machen würde. Beim Thema Erdogan kommt er in Fahrt, punktet mit der Forderung nach klarer Kante statt Kuschel-Diplomatie. Allerdings steht Schulz neben einer Angela Merkel, die kämpferischer wirkt, als man erwartet hätte. Sie ist top vorbereitet, lässt Vorwürfe nicht auf sich sitzen. Letztlich hat Schulz die Nase leicht vorn. Er hätte sogar noch mehr punkten können. Nur war er so konzentriert, dass seine sonst oft lockere Sprache und die kessen Sprüche eher auf der Strecke blieben."

Christopher Kissmann: "Kein klarer Sieger im TV-Duell: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Herausforderer Martin Schulz trennen sich unentschieden. Während sich Merkel stets seriös präsentierte, schien Schulz anfangs ein wenig nervös. Punkten konnte der SPD-Politiker jedoch mit seiner harten Linie gegenüber der Türkei. Seine Ankündigung, die EU-Beitrittsverhandlungen zu beenden, konnte Merkel nicht parieren. Schulz überspannte den Bogen nicht, sein Ton war angemessen angriffslustig. Wie in den Vorjahren gelang es Merkel dagegen, ihre Erfolge herauszustellen. Die Kanzlerin vermittelte das Gefühl, dass sie die Deutschen versteht. Politische Kehrtwenden verkaufte sie als Lernprozesse – wenn auch zum Teil zu ausschweifend. Schade ist, dass sich die Konkurrenten nur selten direkt duellieren durften. Die Moderatoren grätschten zu oft dazwischen." 

Dominik Bath: "Viele haben sich einen heftigen Schlagabtausch gewünscht, doch tatsächlich sehen Millionen TV-Zuschauer eher langweiliges Koalitions-Kuscheln. Bei den Themen Flüchtlinge und Integration teilen Herausforderer Martin Schulz und Kanzlerin Angela Merkel viele Positionen. Schulz zeigt dann klare Kante, will als Bundeskanzler die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abbrechen. Merkel kontert gut und fast präsidial. Sie will mit dem Land weiter im Gespräch bleiben, um inhaftierte Deutsche freizubekommen. Munterer wird es in der Innenpolitik: Das Thema Pkw-Maut kann Merkel nur mühsam parieren. Als die Runde auf den Abgasbetrug zu sprechen kommt, verlieren sich die Kontrahenten zu sehr in Details. Schulz gelingt es an diesem Abend nur selten Merkel unter Druck zu setzen. So wird das Duell um das Kanzleramt nicht mehr spannend."

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