Der Chefanleger

Chris-Oliver Schickentanz ist der Chefanleger der Commerzbank in Deutschland. Zuvor war der 42-Jährige von 2000 bis 2005 als Aktien-Analyst bei der Dresdner Bank tätig. Von 2005 bis 2009 leitete er die Unternehmensanalyse des Instituts. Schickentanz hat an der TU Darmstadt Psychologie, Betriebswirtschaft und Recht studiert, er zählt inzwischen zu den gefragtesten Analysten in Deutschland.

Volksstimme: Herr Schickentanz, wie steht es um unsere Wirtschaft?

Chris-Oliver Schickentanz: Wir haben in den vergangenen Quartalen ein schönes Wirtschaftswachstum gesehen, weltweit hat die Konjunktur Schwung aufgenommen, die Unternehmer blicken wieder sehr optimistisch in die Zukunft. Die gute Nachricht ist, dass die Stimmung sicher auch im zweiten Halbjahr 2017 anhalten wird. Die schlechte Nachricht – vor allem aus Börsensicht – lautet: Es wird nicht mehr besser. Das heißt zwar noch nicht, dass die nächste Krise aufzieht. Man sollte nur eben keine weiteren positiven Überraschungen erwarten.

Lange wurde darüber spekuliert, wie sich die Wahlen in Europa auf die Wirtschaft auswirken. Wie lautet Ihr Fazit hierzu?

Die Wahlen in den Niederlanden und Frankreich sind aus Sicht der Wirtschaft positiv ausgegangen. Während die Populisten Verluste hinnehmen mussten, haben die reformorientierten, europafreundlichen Parteien Zuwächse verzeichnet. Das hat auch ausländische Investoren Mut fassen lassen, ihr Geld wieder verstärkt in Europa anzulegen.

In Frankreich ist es Emmanuel Macron gelungen, bei der Parlamentswahl mit seiner Bewegung die absolute Mehrheit zu erlangen. Wird Deutschlands wichtigster EU-Partner jetzt seine Krise abschütteln können?

Die Hoffnung ist natürlich da, dass Macron tatsächlich Reformen einleitet und die Wettbewerbsfähigkeit des Landes stärkt. Das wird aber nicht einfach. Er hat zwar parlamentarisch grünes Licht, aber in Frankreich wird vieles auf der Straße entschieden. Die Gewerkschaften haben dort traditionell eine starke Position und werden sich im Zweifelsfall auch mit Streiks gegen größere Reformen stemmen. Insofern glaube ich, dass in unserem Nachbarland jetzt mehr passieren wird als unter François Hollande, aber ich erwarte dennoch keine großen Wunder vom neuen Präsidenten. Er wird noch Jahre brauchen, um Frankreich wieder fit zu bekommen.

Mittlerweile haben die Brexit-Verhandlungen begonnen. Großbritanniens Premierministerin Theresa May geht geschwächt in die Gespräche. Wird sie nun mehr Zugeständnisse gegenüber Brüssel machen müssen?

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Briten auf die EU stärker zugehen, ist gestiegen. Dennoch gehe ich davon aus, dass sie hart mit Brüssel um die Austrittsbedingungen und die künftigen Beziehungen verhandeln werden. Ich hoffe aber auch, dass am Ende beide Seiten zu dem Schluss kommen, dass eine einvernehmliche Lösung für alle das Beste wäre.

Inwiefern bleibt US-Präsident Donald Trump ein Unsicherheitsfaktor für die deutsche Wirtschaft?

Ich denke, man sollte zwischen dem, was er sagt, und dem, was er tut, unterscheiden. Er redet zwar viel von „America First“ und seinen Vorhaben, die US-Wirtschaft zu schützen. Er wird aber sicherlich davon absehen, hart gegen deutsche Firmen vorzugehen. Denn hier würde er sich ins eigene Fleisch schneiden. Viele deutsche Unternehmen beschäftigen Tausende Amerikaner an ihren US-Standorten. Würde Trump nun den Markt abschotten, wären ihre Jobs akut gefährdet. Von daher glaube ich nicht, dass er substanzielle Strafen gegen deutsche Firmen beschließen wird.

Die US-Notenbank ist dabei, die Leitzinsen wieder anzuheben. Wann wird die Europäische Zentralbank (EZB) nachziehen?

Ich gehe davon aus, dass die EZB spätestens im September ihre offizielle Sprachregelung verändern wird. Das heißt, sie wird dann in Aussicht stellen, dass unkonventionelle Maßnahmen wie der Ankauf von Anleihen im Jahresverlauf 2018 gestoppt und ab 2019 über eine erste Zinserhöhung nachgedacht werden könnte. Insofern werden wir wohl erst drei bis vier Jahre nach den Amerikanern mit der Zinsnormalisierung beginnen. Das ist aus meiner Sicht allerdings auch ein angemessener Zeitraum, denn die USA haben die vergangene Wirtschaftskrise schneller bewältigt als Europa.

Für die deutschen Sparer bedeutet das aber auch, dass Sie sich noch über Jahre gedulden müssen, bis die Zinsen für ihr Geld auf dem Sparbuch wieder steigen.

Das stimmt, zumal die Banken Zinsänderungen meist mit einer gewissen Zeitverzögerung an ihre Kunden weitergeben. Insofern ist auch klar: Selbst wenn es im Jahr 2019 zu einer ersten Zinserhöhung kommt, wird uns die Niedrigzinsphase noch jahrelang begleiten. Wenn die Sparer Glück haben, erreichen wir 2021 oder 2022 wieder ein Zinsniveau, das der Inflationsrate entspricht.

Bleibt die Frage, was Sparer bis dahin mit ihrem Geld machen. Lohnt es sich jetzt noch, in Aktien zu investieren, obwohl der deutsche Aktienindex Dax bereits neue Rekordwerte erreicht hat?

Natürlich sind die Kurse in der Vergangenheit bereits stark gestiegen. Aber man muss auch sehen: Die Wirtschaftsdaten stimmen, bei den Unternehmen sprudeln die Gewinne. Insofern ist die Angst der Anleger vor dem Allzeithoch übertrieben. Das lässt sich auch an der Entwicklung an den US-Börsen verdeutlichen: Die Indizes haben dort allein in den vergangenen drei Jahren mehr als 110 Allzeithochs verzeichnet. Das bedeutet: Selbst wenn ein Wert ein Allzeithoch mal erreicht, bedeutet das noch lange nicht, dass der Aufwärtstrend damit beendet ist. Der Wert kann immer noch weiter steigen. Grundsätzlich gehe ich nun davon aus, dass die Aktienmärkte ein Stück weit an Schwung verlieren und Schwankungen zunehmen werden. Dennoch rechne ich aber auch damit, dass die Aktie mit einer realistischen Wachstumschance von drei bis fünf Prozent auf Sicht von zwölf Monaten weiterhin ein wichtiger Vermögensbaustein in der Geldanlage bleibt.

Im September ist Bundestagswahl. Wird davon ein Impuls ausgehen?

Es gibt den Spruch „politische Börsen haben kurze Beine“. Ich gehe aber auch so nicht davon aus, dass wir rund um die Wahl massive Bewegungen an der Börse sehen werden.