Wilkau-Haßlau (dpa) l Seit Haribo die Schließung seines einzigen Werkes in Ostdeutschland bekanntgegeben hat, rollt eine Welle des Protests. Mit einer Lichterkette, Demos, Online-Petition und einer Luftballonaktion haben es die rund 150 Beschäftigten in Wilkau-Haßlau bei Zwickau und ihre Unterstützer bis in überregionale Nachrichten sowie den Bundestag gebracht. Doch das Ende der Goldbären-Produktion konnten sie nicht abwenden – diesen Freitag soll sie auslaufen. Nicht nur Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) sieht in der Entscheidung des Süßwarenherstellers einen für Ostdeutschland besorgniserregenden Trend.

"Die Einschläge nehmen zu", sagt der SPD-Ostbeauftragte und zählt jüngste Beispiele auf, in denen Unternehmen Ost-Standorte schließen wollen: MAN in Plauen etwa, der Autozulieferer Mahle in Freiberg und die Callcenter von Majorel in Stralsund, Neubrandenburg, Schwerin und Chemnitz. "Das ist eine Entwicklung, die mich fatal an die 90er Jahre erinnert", bekennt Dulig. Gerade in Ostdeutschland gebe es eine hohe Identifikation mit der Arbeit; solche Entscheidungen führten zu Wut, Angst und Kränkungen bei den Betroffenen. Er warnt, dass dies politisch instrumentalisiert werden könnte, und appelliert an die soziale und gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen.

So ist Haribo zum Symbol geworden. Der Goldbären-Hersteller feiert dieses Jahr 100. Firmenjubiläum. Doch den Beschäftigten in Sachsen ist spätestens seit November nicht mehr zum Feiern zumute. Da gab das Familienunternehmen mit Sitz in Rheinland-Pfalz die Schließung ihres Werkes bekannt. Begründet wurde der Schritt mit "unverhältnismäßig hohen" Investitionen, die an dem Standort nötig seien.

Seither schäumt der Protest, der von Politikern verschiedener Parteien und Kirchenvertretern unterstützt wird. Mehr als 16.000 Menschen haben eine Petition im Internet unterzeichnet, das Land Sachsen eine Werbekooperation mit Haribo aufgekündigt. Auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und das langjährige Haribo-Werbegesicht Thomas Gottschalk haben sich zu Wort gemeldet. Am Donnerstag sollte Haribo Thema einer Aktuellen Stunde im Bundestag werden und Beschäftigte wollten Weihnachtsgeschenke des Unternehmens aus den vergangenen Jahren per Lkw zurück in die Zentrale schicken.

10.000 Tonnen Süßwaren jährlich

Ein Sozialplan samt Beschäftigungsgarantien bis ins neue Jahr konnte inzwischen erreicht werden, doch von der Schließung des Werkes, wo jährlich rund 10.000 Tonnen Naschereien hergestellt werden, rückt Haribo nicht ab. Hoffnungen setzen die Beschäftigten nun darauf, dass ein neuer Eigentümer für den Traditionsstandort gefunden wird. Denn schon zu DDR-Zeiten wurden hier Gummibären & Co hergestellt und zu großen Teilen in den Westen geliefert; 1990 übernahm Haribo das Werk. Seither wurde nach Unternehmensangaben ein zweistelliger Millionenbetrag etwa in Gebäude und Maschinen investiert.

Wie viele Interessenten es gibt, will das Unternehmen nicht sagen. Nur so viel: "Es liegt kein Angebot des Wettbewerbs vor", betont ein Sprecher. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Carsten Körber hatte jüngst von vier Interessenten gesprochen. Bei den Gesprächen pocht die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten auf den Erhalt der bisherigen Konditionen für die Belegschaft. "Es darf nicht über ihre Köpfe hinweg entschieden werden", betont Gewerkschaftssekretär Thomas Lißner. Dass Haribo ihnen angeboten habe, an einen anderen Standort zu wechseln, quittiert er mit Kopfschütteln: "Das ist ein unterirdisches Angebot." Der Gewerkschafter verweist dabei auf die Entfernung von fast 500 Kilometern bis zur Zentrale in Grafschaft.

So bleibt für die Beschäftigten über die Weihnachtstage Unsicherheit darüber, wie es längerfristig weitergeht. Und der Weg zur Arbeit wird an diesem Freitag für viele ein schwerer Gang werden. Am Abend ende mit der letzten Schicht die Produktion, erklärt Betriebsratschef Maik Pörschmann: "Es werden Tränen fließen." Zum Abschied wollen Mitarbeiter Grablichter an dem Betriebsgelände aufstellen.