Premiere für "Hoffmanns Erzählungen" am Nordharzer Städtebundtheater Betörend schöne Traumreise mit einer wahren Bilderflut
Am Freitag hatte die Inszenierung von Jacques Offenbachs letztem Werk "Hoffmanns Erzählungen" von Hinrich Horstkotte Premiere am Nordharzer Städtebundtheater in Halberstadt. Am Pult stand der Intendant, MD Johannes Rieger. Fast eine Viertelstunde Applaus mit Bravo- und Hochrufen, davon 13 Minuten Standing Ovations.
Von Hans Walter
Halberstadt. Solch farbigen, fantasievollen und aufregenden "Hoffmann" kann man lange suchen. Derzeit steht das Werk an der Komischen Oper in Berlin, Frankfurt/Main, Gießen, in Lüneburg, Mannheim, an der Theaterakademie München, Solingen und anderenorts im Spielplan. Die Halberstädter Inszenierung dürfte eine der besten sein.
Der 1972 geborene Horstkotte inszeniert ohne modernistischen Schnickschnack, aber mit einem Höchstmaß an Überraschungen und einer Werktreue, die Jacques Offenbach ganz dicht auf der Spur bleibt. In Personalunion ist der Regisseur zugleich Ausstatter. Das schafft der vertrackten Geschichte um den Looser Hoffmann und seine vier Lieben – die Puppe Olympia, die Sängerin Antonia, die Kurtisane Giulietta und die Diva Stella – eine surrealistisch anmutende Bilder- und Erlebnisflut. Eine betörend schöne Traumreise.
Horstkotte vertraut der Musik. Sie fließt förmlich auf die Bühne. Jeder Klang, jedes Crescendo und jeder instrumentale Einspruch des unter Leitung von MD Johannes Rieger vorzüglich aufspielenden Orchesters verwandelt sich auf der Bühne in Bewegung. Diese Einheit von Musik und Szene erlebt man selten. Zu Gehör kam die quellenkritische Ausgabe von Fritz Oeser.
Gespielt wird in einem Einheitsbühnenbild. Der Raum offenbart sich zunächst als Weinstube bei Lutter & Wegener. Links die Türen und Bilderrahmen sind perspektivisch verkürzt, Balken gliedern ihn, rechts flackert ein Kamin, im Hintergrund ein großes Fenster.
Chöre sind auch szenisch hervorragend
Ein Plafond – vorzüglich für die Akustik – und ein Kronleuchter schließen den Raum nach oben ab. Er wird zum Gruselkabinett Spalanzanis, in den Bilderrahmen drehen sich große beobachtende Augen zu Olympia. Und zur Wohnung Crespels, in der plötzlich die Mauern durchsichtig werden und der unheimliche Doktor Mirakel die todkranke Antonia durch alle Wände und den Kamin bedrängt. Im Venedig-Bild neigen sich die Wände und werden zu einem Dampfer mit Bullaugen, der Leuchter schwingt im Takt der Barkarole "Schöne Nacht, du Liebesnacht" – die Imagination ist vollkommen! Da braucht es keine Barke für Giulietta, wie sonst üblich.
Die Chöre – vorzüglich von Jan Rohzenal einstudiert – leisteten auch szenisch Hervorragendes. Sanges-, Spiel- und Verkleidungslust vom Feinsten. Was Horstkotte als Kostümbildner leistet, kann man auch an der großen Anzahl der Sänger und ihrem in jedem Bild wechselnden Outfit ermessen! Oft sind die Übergänge fließend. Eben tummelt sich noch die Karnevalsgesellschaft mit ihren Masken im Bild, schon drängt die biedermeierliche Männergesellschaft mit ihren Korpsmützen herein; die Szene wandelt sich zum Eingangsbild.
Raymond Sepe gab den Hoffmann. In der Maske charaktervoll wie der junge Schubert, zeigte er die Odyssee seines Helden eindrucksvoll zwischen größter Liebe, herbster Enttäuschung und Abstieg und Suff mit tenoralem Glanz. Als Muse an seiner Seite war Regina Pätzer – mit einem schönen, erzählerisch klaren Sopran. Bettina Pierags zeigt als Stella, Olympia, Antonia und Giulietta aufregende stimmliche Wandlungsfähigkeit. Die lyrisch Leidende nimmt man ihr ebenso ab wie das Hochdramatische und die Koloraturen. Und wie sie das Darstellerische dieser vier so unterschiedlichen Rollen bewältigt, ist grandios. Ihre schlagende, Äpfel schälende und Hoffmann bedrängende Puppe Olympia war dabei das Sahnehäubchen und ganz fernab der gewöhnlichen Aufzieh-Komik!
Eine kluge Charakterstudie
Ähnlich beeindruckend in Stimme und Darstellung in vier Rollen – die sängerisch und vor allem spielerisch alles abverlangten – trat Juha Koskela als Lindorf, Coppelius, Doktor Mirakel und Dabertutto auf. Tobias Amadeus Schöner war als Andres, Conchenille, Frantz und Pitichinaccio der "ewige Zwerg", eine artistische Glanzleistung des Sängers wie des Kostüms nebst der historischen orthopädischen Beinschiene vom Sanitätshaus Disse.
Es war eine kluge Charakterstudie des Dichters Hoffmann, würdig seiner düsteren Fantasie. "Man ist groß durch die Liebe und größer noch durch Tränen", singt seine Muse am Ende. Ein tröstlicher, haltbarer Schluss.