Faust-Premiere am Schauspielhaus Magdeburg Der Tragödie zweiter Teil und ein verpasster Gipfelsturm
Nach dem Berg "Faust Teil I", den das Ensemble des Schauspiels Magdeburg vorige Spielzeit glanzvoll bezwungen hatte, folgte am Freitag der Sturm auf den Gipfel "Faust Teil II", wiederum unter Leitung von Martin Nimz. Bernd Schneider schonte "Prospekte nicht und nicht Maschinen" und schuf eine praktikable Ausstattung (Kostüme Ricarda Knödler), die zugleich ästhetisch Reizvolles ermöglicht.
Magdeburg. Der erste Akt beginnt vielversprechend.
Faust und Mephisto erlösen das bankrotte Kaiserreich aus der finanziellen Misere und erfinden das Papiergeld. Diese Konstellation korrespondiert mit der politischen Gegenwärtigkeit, wo Regierungen darum ringen, die europäische Währung zu sanieren. Iris Albrecht als Kaiser rückt ihre Figur behutsam in die Nähe der deutschen Kanzlerin und im Verein mit David Emig als Kanzler, Ralph Martin als Heermeister und Jeremias Koschorz als Schatzmeister gelingt es, Goethes Text in das heutige Rezeptionsvermögen zu transportieren.
Auch später gibt es Überzeugendes: Faust (Jonas Hien) und Mephisto (Axel Strothmann) erörtern vor dem Eisernen Vorhang, das durch innere Kriege zerrissene Kaiserreich zu retten. Jedes Mal, wenn Mephisto die Tür öffnet, schwappt der Krieg akustisch und visuell in den Zuschauerraum - in einer globalisierten Welt ist der Krieg immer nebenan.
Die legendären Schlussworte spricht Hien nicht als alter Mann, aber als ein verbrauchter Mensch, der sich zu einer fanatischen, blindwütigen Sinnestäuschung hochsteigert. Die Vision konterkariert sich selbst.
Dennoch, es will sich nichts zum Ganzen fügen. Es mangelt an großen stimmigen Bildern, es fehlen die emotionalen Augenblicke, es hapert an Humor wie an Tragik. Nichts verstört. Nichts ärgert. Nichts verwundert. Aus der klugen Einkürzung des massigen Opus von Goethe (Dramaturgie Stefan Schnabel) erhebt sich kein Geist, der der Inszenierung einen Sinn gibt, und schon gar nicht einen nachhaltigen.
Für die sogenannte "klassische Walpurgisnacht" beispielsweise findet die Regie keine Übersetzung, an der sich der Zuschauer andocken kann. Ähnliches lässt sich über den 3. Akt sagen. Er fängt mit einem Monolog der Helena an, der in seiner prägnanten Gelassenheit aufhorchen lässt (Christiane-Britta Boehlke), doch dann? Alles verläppert in einer Blutorgie, die so blutleer wie erklärungsbedürftig ist. Warum es geht, versteht nur, wer weiß, warum es geht!
Als Faust und Mephisto dem Kaiser aus seiner schier ausweglosen Lage heraushelfen, entwickelt sich eine Szene, die zwischen belanglos und hilflos pendelt. Die Auseinandersetzung zwischen Kaiser und Erzbischof (Michael Emig) findet fast ohne Licht statt und bleibt auch in der Aussage, die über den textlichen Inhalt hinausgeht, im Dunkeln.
Armselig gar kommt der Schluss daher. Nimz findet für die große Unternehmung "Faust I und II" keine überzeugende Klammer. Albern kichernde Engel auf einer Wolke sprechen die Schlussworte und katapultieren das Stück mit Schwung in seichte Comedy.
Natürlich zeigt Silvio Hildebrandt als Wagner und Philemon wie viele andere Darsteller in mehreren Rollen, dass sie ihr Handwerk beherrschen: Alexander Absenger als Narr oder Wanderer und Ralph Martin als Porteus oder Obergeneral. Auch wenn Heide Kalisch einen Homunkulus schauspielerisch genau verkörpert (oder eine geile Sorge) oder Michaela Winterstein als Panthalis mit Zigarette im Mund so wunderbar trocken im Ton ist ... die Sehnsucht, großes Theater anhand eines großen Stückes zu erleben, erfüllt sich nicht.
Aber vielleicht ist alles ganz anders. Vielleicht ist jetzt an der Zeit, aus Thomas Bernhardts (österreichischer Schriftsteller 1931-1989) Erzählung "Goethe schtirbt" zu zitieren: "Das Nationaltheater habe er, Goethe, ruiniert, so Riemer, soll Goethe gesagt haben, überhaupt habe er, Goethe, das deutsche Theater zugrunde gerichtet, aber darauf kommen die Leute erst in frühestens zweihundert Jahren." Die zweihundert Jahre jedenfalls sind um!
Nächste Aufführung: 22. Oktober, 19.30 Uhr.