Charles Dickens\' "Weihnachtsgeschichte" als Ballett im Nordharzer Städtebundtheater Die Läuterung eines alten Geizkragens
Frenetischen Beifall gab es für die Premiere von Charles Dickens\' "Weihnachtsgeschichte" als Ballett im Nordharzer Städtebundtheater. Er galt dem Tanzensemble mit dem Choreografen Jaroslaw Jurasz, dem Komponisten der Uraufführungsmusik Ireneos Triandafillou und der Szenografin Kordula Kirchmair-Stövesand.
Halberstadt l Die Ballettproduktion des Nordharzer Städtebundtheaters nach der gleichnamigen literarischen Vorlage von Charles Dickens ist ein großer Wurf. "Eine Weihnachtsgeschichte ("A Christmas Carol In Prose") gibt es in zahlreichen Versionen - als Theaterstück, als Zeichentrick- und Spielfilm, mit den "Muppets" und auf herkömmlichen Puppenbühnen. Das Ballett gehört dabei zu den schönsten, die Fantasie beflügelndsten Geschichten. "Opa, gibt es da einen Erzähler?", fragte vorher ein Mädchen. "Nein. Aber du wirst die Geschichte auch ohne Worte verstehen", gab der Großvater zur Antwort.
Der junge Tänzer Stephan Müller als Ebenezer Scrooge war der Star der Vorstellung. Mit dieser Rolle empfiehlt er sich als Darsteller großer Charaktere. Müller machte die Wandlung von einem hartherzigen alten Geldsack zum Philantropen auf schöne Weise deutlich.
Scrooge erhält in einer einzigen Nacht Besuch von vier Geistern: von seinem verstorbenen Teilhaber Marley (Keigo Nozaki), von den Geistern der Vergangenheit (Masami Fukushima), der Gegenwart (Yuriya Nakahata) und der Zukunft (Keigo Nozaki). Hervorragende Tänzer, die ihm seine armselige Existenz vorführen und einen Läuterungsprozess bewirken.
Körperlich vollzog sich die Wandlung von eckigen Bewegungen und Droh- und Angstgebärden zu absoluter Jugendlichkeit mit Sprüngen, Drehungen und Hebungen - obwohl Scrooge doch ein alter Mann ist.
In einem tänzerischen Monolog Müllers läuft sein Leben noch einmal ab und er nimmt viele Eindrücke auf, die er resümierend erlebte und längst vergessen glaubte: den kindlichen Ritt auf dem Steckenpferd, Erinnerungen an die liebevolle Mutter (Ute Karadimow) und die erste Liebe (Anna Vila), Erlebnisse in den Familien seines reichen Neffen und dessen Frau (Jaume Bonnin/Masami Fukoshima) und seines geschundenen armen Schreibers Cratchit (Petr Zaionchovskiy/Marina Fernandez) und ihrer Kinder.
Kinder und Erwachsene tanzen voller Leidenschaft
Wieder geht das kleine Ensemble bis an die körperlichen Grenzen. Es ist ständig in den verschiedensten Rollen und Kostümierungen in Bewegung, unterstützt durch das Jugendballett und die Tanzsportschule "Elementa".
Kinder wie Erwachsene tanzen diese Geschichte des Menschlichwerdens voller Leidenschaft. Choreografie, Musik und Ausstattung korrespondieren vorzüglich. Der Grieche Ireneos Triandafillou, der für viele der Jurasz-Ballette die Musik schuf, spricht eine moderne, tanzbare Tonsprache - teils flächig, teils filigran.
Dazu kommen Zitate aus "Merry Old England" wie der Glockenklang von Big Ben (der Stimme des Landes), das Kettengerassel der Spuk- und Gespenstergeschichten und britische Weihnachtsweisen.
Dieser Klangmix bedient gleichermaßen die Handlung wie das victorianische Bühnenbild und die traumhaft fantasievollen Tanzkostüme von Kordula Kirchmair-Stövesand. In ihre Häuserlandschaft fügte sie eine große Projektionsfläche für Videos von Joachim Kirchmair und Kay Lautenbach ein - mit der Anmutung eines e-Books. Eine Verbindung von Gegenwart und Tradition.
Sie stellt das Schlafzimmer Scrooges, die Wohnung des Schreibers und des Neffen wie den St. Pauls-Friedhof in altmeisterlichen Grafiken vor. In Scrooges Bettengruft leuchtet Big Ben hinein ...
Zum Schluss wird Weihnachten gefeiert - mit Stechpalmenschmuck, Truthahnbraten, Gruppenbild, Feuerwerk und einem prachtvollen Baum. Very british! Very good!