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Gefeierte Premiere des Theaterstücks "Tschick" im Studio des Magdeburger Schauspiels Ein Feuerwerk komödiantischer Fantasie

Von Gisela Begrich 15.10.2012, 01:25

Dem Autor Wolfgang Herrndorf (Jahrgang 1965) gelang 2010 ein großer literarischer Erfolg: "Tschick". Robert Koall schuf aus dem Buch eine Bühnenfassung. Sie ist seit Freitag im Studio des Magdeburger Schauspiels zu erleben. Das Publikum feierte die Inszenierung von Dominik Günther euphorisch.

Magdeburg l Koalls Text bleibt an Herrndorfs Vorlage, vor allem aber übernimmt er die wundervoll austarierte Sprache, die unaufdringlich auf einen real abgelauschten Jugendjargon anspielt, ihn aber nicht naturalistisch kopiert. Diesen Schwebezustand von Realität und Kunst zeichnet auch den inszenatorischen Ansatz von Regisseur Günther aus. Er präsentiert ein Roadmovie, das in jedem Moment eine immer wieder neu überraschende Mixtur aus Übertreibung, Fantasie und Wirklichkeit ist.

Zeitlich spielt es in einem nicht näher definierten Heute. Die Bühne zeigt ein leeres Schwimmbecken (Ausstattung Heike Vollmer), bestückt mit Möbeln und scheinbar wahllos zusammengesuchten Utensilien unterschiedlichster Couleur, die im Laufe der Aufführung, indem Schauspieler sie benutzen, jedoch konkrete Funktionen erhalten. Da wird ein Sessel zum Auto, ein Tennishochsitz zum Berg. Zugleich erhellt sich dem Publikum, dass dieser Ort nicht als Zeichen für Realität steht, sondern für eine subjektiv, nämlich von Maik, erzählte Geschichte. Auch Laserwaffen und Larven entspringen dessen Fantasiewelt.

Erzählungen und Episoden wechseln mit Eindrücken, Träume mit Berichten. Niemals weiß der Zuschauer, ob es so wirklich war oder ob es sich um eine Flunkerei von Maik handelt oder nur um die plastische Schilderung einer Gefühlslage.

Der Abend spiegelt die Verhaltensweisen von pubertierenden Jugendlichen wider, die gern mal den "großen Max markieren", hinter Aufschneiderei Verletzlichkeit verbergen und sich Traumwelten erfinden.

Die beiden Jungen Maik und Tschick erhalten durch Michael Ruchter und Raimund Widra auch jenseits aller Verrücktheiten ein glaubhaftes Profil. Ruchter vermag es, Maik auch als einsamen niedergedrückten Jungen zu zeigen, und Widra stattet Tschick mit einer Portion tatsächlichem Selbstbewusstsein aus.

Lena Sophie Vix spielt mit natürlichem Charme unaufgesetzt das Mädchen Isa und daneben mehrere andere Personen, die durch eine Vollmaske ins Unwirkliche verwiesen werden.

Die Aufführung ist ein "Fressen" für die jungen Schauspieler. Sie fackeln ein Feuerwerk komödiantischer Fantasie ab. Sie gebärden sich schrill und bizarr. Sie albern, sie frozzeln, sie sprechen mit verstellten Stimmen - und treffen immer den richtigen Ton. Sie führen die ganze Skala von Gefühlen vor, die Teenies so drauf haben. Sie zeigen ihre Figuren traurig und sentimental, liebevoll und zugewandt, aber auch schroff, launisch und überspannt. Die Aufführung zeichnet eine hinreißende Unbekümmertheit bei der Wahl ihrer Mittel aus: Slapstick und Slowmotion stehen neben Jux und Tollerei und einer genauen Wiedergabe von Beobachtungen. Doch vor lauter Einfällen und überbordender Spielfreude kommt die Geschichte etwas zu kurz. Die Menschen, die deren Helden begegnen, erhalten z. B. zu wenig Profil. Heiterkeit gefährdet die Balance des Geschehens. Die Inszenierung unterbelichtet jede tragische Komponente und gerät in die Nähe einer Zustandbeschreibung.

Aber, sie trifft voll den Ton, der den Protagonisten des Stücks und ihren Altersgefährten entspricht. Und wer will schon über die Rezeption von Zuschauern richten?!!!