Ausstellung Ein Text wie moderne Musik
Berlin zeigt das vollständige Manuskript von Franz Kafkas Roman "Der Prozess". Uta Baier sprach mit Kafka-Forscherin Heike Gfrereis.
Franz Kafka begann seinen Roman „Der Prozess“ 1914 kurz nach Kriegsbeginn. Der Prager Schriftsteller gilt nicht gerade als politischer Autor. Spiegelt sich im „Prozess“ trotzdem der Kriegsbeginn?
Heike Gfrereis: Das Faszinierende ist, dass „Der Prozess“ sehr wohl ein Kriegsbuch ist. Das machte man sich bisher nie so klar. Als Franz Kafkas Schwäger in den Krieg ziehen, notiert er: „Aber schreiben werde ich trotz alledem, unbedingt, es ist mein Kampf um die Selbsterhaltung.“ Er erklärt sich und der Welt, wenn man so will, selbst den Krieg und macht den „Prozess“ zum Gegenstand seiner Front.
Wie schlägt sich das im Manuskript nieder?
Kafka schreibt den „Prozess“ in Hefte, in denen er auch Tagebuchnotizen, Nachrichten aus dem Krieg schreibt. Diese Tagebuchnotizen vermischen sich mit dem Schreiben am „Prozess“, die Grenzen zwischen Romanmanuskript und Tagebuch sind fließend.
Gibt es konkrete literarische Auswirkungen des Krieges auf Kafkas Schreiben?
Als sein Schwager das erste Mal aus dem Feld kommt, erzählt er von einem Erlebnis im Schützengraben. Er habe im Schützengraben einen Maulwurf graben hören, habe das als Omen genommen und sofort den Graben verlassen. Kurz danach schlug eine Granate ein. Wenig später schreibt Kafka den Text „Der Dorfschullehrer (Der Riesenmaulwurf)“. Das bekannteste Beispiel ist natürlich die Erzählung „Der Bau“, in dem sich ein Tier unter der Erde in einem weit verzweigten Tunnelsystem verschanzt. 1915 hat Kafka in Prag einen Schauschützengraben gesehen.
„Der Bau“ entsteht aber erst 1923/24, also zehn Jahre nach Kriegsbeginn.
Das ist nicht ungewöhnlich. Remarques „Im Westen nichts Neues“ erscheint 1929, und Otto Dix beginnt sein Triptychon „Der Krieg“ ebenfalls 1929.
Das Manuskript wird nun in Berlin ausgestellt – mit welchem Erkenntnisgewinn?
Sehr deutlich wird, wie Kafka gearbeitet hat. Das Ende des Romans steht zum Beispiel mitten in einem der frühen Hefte. Man erkennt, dass der Text, den wir Leser in der späteren Bearbeitung von Max Brod kennen, nicht der Text ist, den Kafka geschrieben hat. Die Art, wie er schreibt, ist fern unserer Erwartungen an nachvollziehbare Handlungsabläufe und organisch gewachsene Kunstwerke. Der Besucher sieht daher den Text sozusagen immer noch in der Schwebe, im Prozess der Entstehung, der auch einzelnen Buchstaben und Wörtern Bedeutungen zu-, aber auch wieder abschreibt.
Das sieht man im Schriftbild?
Ja. Kein K von Joseph K., der Hauptfigur, gleicht dem anderen. Man kann an der Art, das K zu schreiben, sehen, wie es diesem K. gerade geht, welche Funktionen er erfüllt und welche Gestik zu ihm gehört. „Der Prozess“ ist ein polyphoner Text, der an moderne Musik erinnert.
Wie konnte ein so sensibler Mensch wie Franz Kafka den Krieg mit all seiner sichtbaren Brutalität aus seinem Werk weitgehend fernhalten?
Man muss sich deutlich machen, dass Kafka einberufen werden wollte. Er hatte sich sogar schon Soldatenstiefel gekauft und schreibt: „In den schweren Stiefeln, die ich heute zum ersten Mal angezogen habe (sie waren ursprünglich für den Militärdienst bestimmt), steckt ein anderer Mensch.“ Er war kein Pazifist. Sie werden bei ihm keine Dogmatik, Moralität oder einen Aufruf zum Frieden finden. Er will die Menschheit nicht besser machen. Was um ihn herum passiert, ist Teil der Disposition seiner Textwelt. Es geht ihm immer ums Schreiben.
Der Krieg dauert Jahre – ändert sich sein Einfluss auf Kafkas Leben und seine Texte?
Ja, der Krieg verliert an Wichtigkeit und wird der Erwähnung immer weniger wert. Das ist eine allgemeine Erscheinung, die man oft beobachten kann. Bei Kriegsbeginn beginnen viele, die nie Tagebuch geschrieben haben, Tagebuch zu schreiben. Sie hören in der Regel nach einigen Monaten oder Jahren wieder auf. Irgendwann wird der Krieg normal.
„Franz Kafka. Der ganze Prozess“, bis 28. August im Martin-Gropius-Bau, Berlin.