Entführungsdrama Captive als intensives Kammerspiel
Im Hollywoodfilm Captive ringt eine junge Mutter um Gleichgewicht in ihrem Leben: Erst verliert sie ihren Ehemann, dann das Sorgerecht an ihre Tochter. Am Tiefpunkt angekommen, wird sie zum Entführungsopfer - und merkt, dass sie sich ändern muss.
Stuttgart (dpa) - Sie hat einfach nur Pech. Als die Kellnerin Ashley spätabends in ihre Wohnung will, wird sie auf der Straße zufällig von einem Schwerverbrecher gesehen. Der sucht auf der Flucht vor der Polizei einen Unterschlupf - und überwältigt die Frau, als sie ihre Wohnungstür aufschließt.
Sie ist gefangen - Captive, wie das Kinodrama mit Kate Mara und David Oyelowo heißt. Sieben Stunden verbringen die beiden in der Wohnung, nähern sich an, stoßen sich gegenseitig ab, begegnen einander mit Brutalität, Angst - und mühen sich um Verständnis. Währenddessen läuft draußen die Großfahndung. Der Verbrecher merkt, wie sich die Schlinge allmählich zuzieht.
Die Filmemacher um den bisher in der Kinowelt kaum in Erscheinung getretenen Regisseur Jerry Jameson orientieren sich an einer wahren Begebenheit. Sie bringen den Mut auf, die Geschichte sehr geradlinig und weitgehend ohne tosendes Hollywood-Tamtam zu inszenieren.
Letztlich geht es um zwei Verlierer, die miteinander zurechtkommen müssen: Auf der einen Seite eine junge Witwe, die das Sorgerecht für ihre kleine Tochter wegen Drogenabhängigkeit verloren hat. Auf der anderen Seite ein psychisch zerrütteter Verbrecher, der wegen Vergewaltigung seiner Exfreundin verurteilt wurde. Noch bevor er ins Gefängnis überführt wird, kann er fliehen. Dabei schießt er mit kühler Präzision um sich und tötet vier Menschen.
David Oyelowo spielt den Kriminellen überzeugend als verschlossenen Typen, der innerlich vollkommen aus der Spur gekommen und unberechenbar geworden ist. Ich sehe Dämonen, sagt er. Lange wartet der Zuschauer darauf, dass sich der Mann erklärt und Einblick gibt in seine genauen Beweggründe - als er es schließlich doch tut, geschieht das kurz und banal. Kate Mara, Serienfans als Journalistin in House of Cards bekannt, verweigert in ihrer Rolle dem Zuschauer zunächst ebenfalls Identifikationspotenzial. Als ihr eine Bekannte zu Beginn des Films ein Selbstfindungs-Buch als Mittel gegen die Drogensucht empfiehlt, wirft sie es achtlos in den Müll.
Captive präsentiert Leinwandfiguren, die seltsam erratisch durchs Leben wandeln. Eher im Hintergrund zieht ein Polizist die Fäden bei der Großfahndung (Michael Kenneth Williams, The Wire). Große Verfolgungsjagden mit quietschenden Reifen sind nicht zu sehen - die Filmemacher bleiben nahe bei den wahren Begebenheiten. Damit entscheiden sie sich eher für ein düsteres Kammerspiel als für Actionkrach.
Erst gegen Ende bekommt der Film eine kräftige Prise amerikanisches Pathos, als der Glaube an Gott als Ausweg aus der Misere dargestellt wird. Der ruhige, intensive Erzählstil und der schonungslose Blick auf die triste Realität verlieren dadurch etwas ihre Wirkung - dies aber zum Glück so spät, dass das eindrucksvolle Gesamtbild des Films nicht mehr vollkommen in Kitschfarben ertränkt werden kann.