Ausstellung "Das Antlitz der Wissenschaft" zeigt Gelehrtenporträts aus der Leopoldina Fürstenmanier oder Denkerpose
Seit Gründung der Gelehrtengesellschaft Leopoldina 1652 ist es Brauch, dass jedes neu in die heutige Nationalakademie aufgenommene Mitglied ein Bildnis von sich einreicht. Eine Auswahl der Porträts wird jetzt in einer gemeinsamen Ausstellung mit dem Kunstmuseum Stiftung Moritzburg Halle erstmals der Öffentlichkeit gezeigt.
Halle l Der Präsident lümmelt im Morgenrock auf seinem Stuhl. Der Botaniker Nees von Esenbeck, der von 1818 bis 1858 an der Spitze der Leopoldina stand, legte offenbar keinen Wert darauf, sich als akademischer Würdenträger ablichten zu lassen. Uneitel? Respektlos? Die Porträts von Leopoldina-Mitgliedern aus drei Jahrhunderten zeigen sehr verschiedenartige Auffassungen darüber, welches Bild von sich und ihrem Berufsstand sie der Nachwelt überlassen wollten.
Unsagbar schwierig sei das gewesen, aus mehr als tausend Gelehrtenporträts kaum 250 exemplarisch auszuwählen, seufzt Michael Freitag, Leiter der Sammlungen Stiftung Moritzburg. Gemeinsam mit Leopoldina-Archivleiter Danny Weber hat er die Ausstellung kuratiert. Zudem musste mit Reproduktionen gearbeitet werden - fast undenkbar für ein Kunstmuseum. Und anders als bei Bilderausstellungen geht es auch nicht um den künstlerischen Wert des einzelnen Porträts, sondern um das ausdrucksstarke Gesamtbild in möglichst vielen Facetten. Weil alle Akademiemitglieder ein selbst gewähltes Bildnis einreichten, birgt der - bisher nur intern genutzte - Schatz der Leopoldina das vielleicht authentischste, gültigste "Antlitz der Wissenschaft" im Zeitlauf der Geschichte, meint Weber.
Die Herausforderung des per sé wenig kunsttauglichen Materials haben die Kuratoren geschickt gelöst. Im fast kahl wirkenden Ausstellungsraum zwingen die schmucklos weißen Raum- und Stellwände den Blick auf die Bilder. Die acht Originalmatrikel liegen aufgeblättert in Vitrinen, und gegenüber an der Wand hängen acht Rasterblöcke mit jeweils 28 Porträts im A5-Format (beim "Präsidenten-Block" sind es nur neun Aufnahmen). Aus diesem Bilderbandwurm sticht doch jedes einzelne Bildnis in seiner Individualität heraus.
Über die drei Jahrhunderte entwickelten sich nicht nur die Bildtechniken vom Kupferstich bis zur Fotografie. Die Mode wandelte sich, gesellschaftliche Konventionen erfuhren Veränderung. Dazu geben ergänzende Bildtafeln Erklärungen. Doch auch innerhalb ein und derselben Epoche zeigen sich ganz unterschiedliche "Wunschbilder". Kunsthistoriker Freitag: "Im selben Jahrzehnt haben wir das aufwändige Porträt in Fürstenmanier mit Allongeperücke, Draperien und allegorischen Symbolen. Und gleich daneben finden wir das schlichte Medaillon, das kleine Bildblatt eines Zeitgenossen in vollendeter Bürgerlichkeit."
Wählte der eine die Herrscherpose, stützte der andere in intellektueller Nachdenklichkeit die Stirn auf die Faust. Das 20. Jahrhundert zeigt Wissenschaftler entweder im weißen Kittel im Labor oder aber im ganz privaten Umfeld. Einen völlig uneitlen Wissenschaftler verrät das Foto von Albert Einstein. Für die Ausstellung war es indes unwichtig, ob das Akademiemitglied ein heute noch berühmter Nationalpreisträger oder fast vergessen ist.
Porträts von Frauen muss man suchen. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts erreichten nur wenige Akademiewürden. Die vier Wissenschaftlerinnen in der Ausstellung posieren so, als möchten sie möglichst gar nicht als Frau auffallen. Die bekannteste ist Marie Curie, 1932 als sechstes weibliches Mitglied in die Leopoldina gewählt.
Um einen Eindruck von der Bildfülle zu gewinnen, werden sämtliche Gelehrtenbilder aus dem Akademiearchiv in einer Zeitschleife an eine Wand projiziert. Leider gingen bei der Auslagerung im Zweiten Weltkrieg Bände verloren, so fehlt nach 1751 fast ein ganzes Jahrhundert. Dennoch ergibt sich ein aussagestarker Einblick in die Geschichte des Gelehrtenstandes, weit entfernt von der Langeweile universitärer Ahnengalerien, die häufig nachgesammelt und auf Ebenmaß standardisiert sind.
Ausstellung im Kunstmuseum Stiftung Moritzburg in Halle bis 8. Juli. Zur Ausstellung gibt es einen Bildband. Öffnungszeiten: Dienstag von 10 bis 19 Uhr, Mittwoch bis Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr.