Schriftsteller Robert Schneider predigt zur Landesausstellung im Naumburger Dom Gedanken über eine Welt, die ermattet und müde macht
Das was uns freut, stolz macht oder auch schmerzt - was uns im Innersten bewegt und ausmacht, zu zeigen, macht verletzbar. Echte Emotionen genießen im Zeitalter virtueller Welten kaum Wertschätzung. Der Schriftsteller Robert Schneider ("Schlafes Bruder") hat am Sonntag dazu im Naumburger Dom eine beeindruckende Predigt gehalten.
Von Caroline Vongries
Naumburg. Nein, Uta empfängt vor zehn Uhr noch nicht, auch nicht am Sonntagmorgen, dafür sind sie und ihre weniger bekannten Stifterkollegen im Westchor des Naumburger Doms später umso mehr umlagert. Doch für die Gottesdienstreihe "Prominenz im Gespräch" ist der Ostchor schon zugänglich. Die Stifter des Doms gewissermaßen im Rücken kann man dort während der Landesausstellung in dreiwöchigem Abstand nicht Pfarrer, sondern (streitbare) Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auf der Kanzel erleben.
Nach Margot Käßmann ist der Autor von "Schlafes Bruder" und des in Naumburg spielenden Romans "Die Offenbarung", Robert Schneider, der Zweite im Bunde. Fünf Prediger folgen noch, darunter der Bachforscher und Theologieprofessor Martin Petzold und der Journalist Robert Leicht.
Im herkömmlichen Sinn religiös ist Robert Schneider nicht. Gäbe es die Musik nicht, so könne er die Frage ohnehin nur verneinen, hat er am Abend zuvor gesagt. Der Musik jedoch, eines Bach, eines Mahler, eines Schostakowitsch traut Schneider eine Menge zu, auch das Wunder, eine spontane Wandlung des Menschen zu bewirken. Das hat er in seinen Romanen mehrfach beschrieben, dazu am Vorabend gelesen. Doch am Sonntagmorgen lässt Schneider Bach für sich selbst sprechen - durch die Kantate BWV 86 "Wahrlich, wahrlich ich sage euch" unter der Leitung des Naumburger Domkantors Jan-Martin Drafehn (wunderbar!).
Wenn alles käuflich erscheint
Schneider predigt vom "Versprechen(r)" in einer Welt, in der alles käuflich und belanglos erscheint und die doch "ermattet, müde macht, unsere Stimmen verstimmt", weil der Mensch angetrieben von der Angst nichts wert, nicht liebenswert zu sein, sich selbst verliert. Vor allem den Zugang zur eigenen, zur "ältesten Stimme", das ist für Schneider der unverstellte, schutzlose emotionale Ausdruck, die "kindliche Spiritualität".
Ohne Beschwörung, ohne Appell
Eigentlich predigt dieser Prediger gar nicht. Vermeidet sorgfältig Pose, Beschwörung, Appell, alles, was nach Mahnung klingen könnte. Hier will einer "nur" sagen, was er denkt, ein Mensch, der sich anderen Menschen mitteilt. Ohne die eigene Gelehrsamkeit auszubreiten, ohne das ganze Drumherum an Referenzen, Eitelkeiten. Alles hat seinen Preis, die Redensart bezeichnet Schneider als "falsch und verlogen". Denn: "Nur das Verzichtbare kostet Geld, Anstrengung, Umwege." Und: "Gerade das ist umsonst, worauf wir alle in diesem Leben so sehr hoffen: die Liebe."
Schneider ist am Vortag noch einmal durch die Stadt gegangen, hat die Schauplätze seines Romans besucht. Dabei hat er nicht nur das schmale Haus am Topfmarkt noch brüchiger vorgefunden, in dem er seinen Anti-Helden, den glücklosen Musiker Jakob Kemper, angesiedelt hat. Er ist auch "dieser Traurigkeit hier in der Stadt" wieder begegnet. Er meint das nicht abwertend, setzt er hinzu. Schneiders Held Kemper macht die Erfahrung, dass der Schmerz der Schlüssel ist, sich selbst zu vergeben. Für den Autor Schneider gehört es zur Konsequenz, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, sich diesem Schmerzhaften der eigenen Existenz zu stellen. Gerade deshalb würde er allerdings gern das Haus am Naumburger Topfmarkt vor dem Abbruch gerettet wissen.
Nach dem Gottesdienst besucht auch der Schriftsteller die berühmte Uta, die er natürlich schon kennt. Länger stehen bleibt er jedoch vor dem Christus am Kreuz und der Stifterfigur des Dietrich. Der schaut melancholisch zugleich in sich hinein und ins Weite. Auch der Bildhauer-Architekt, den man Naumburger Meister nennt, ist einer, der sich im Schneiderschen Sinne schutzlos gemacht und in seinem Werk unverstellt gezeigt hat. Bereits vor 760 Jahren.