Das Schauspiel "Die unterbliebenen Worte" kann am Nordharzer Städtebundtheater nicht überzeugen Kein Blickkontakt im Niemandsland der Bedeutungslosigkeit von Wörtern
"Die unterbliebenen Worte" hatte am Freitag in der Neuen Bühne Quedlinburg des Nordharzer Städtebundtheaters Premiere. Ein harter Brocken für Regisseur Arnold Hofheinz und die beiden Darsteller Julia Siebenschuh und Jörg Vogel.
Quedlinburg l Der Rezensent hat hier die undankbare Pflicht herauszufinden, warum ein Theaterabend nicht funktioniert. Also zur Handlung des Jugendstücks "Die unterbliebenen Worte" des Österreichers Rupert Henning (Jahrgang 1967): Ein Medizinstudent mit dem sprechenden Namen David Weber (Jörg Vogel) verhält sich ganz und gar nicht heldenhaft wie einst der Kämpfer gegen Goliath, sondern erschießt so ganz beiläufig erst den Papa, dann die Mama und endlich sich selber.
Er hat die Vorbereitung auf einer DVD (das alte Stück spricht immer von einem "Videoband") festgehalten und belästigt nach seinem Ableben eine Psychologin mit dem schönen ungarischen Muttergottes-Namen Mari Jókai (Julia Siebenschuh) damit, die Ursachen herauszufinden. Aber Namen haben für Autor Henning ebenso wenig zu bedeuten wie sonst etwas in der Handlung.
Davids gutbürgerliche Erziehung in zerrüttetem Elternhaus, das Medizinstudium, sein angebliches Mobbing - alles wird behauptet, nichts vertieft. In Outfit und Wortwahl bleibt er eine graue Maus. Erstaunlich armselig in den Emotionen wie in der Bühnensprache. Und so sinniert die Erziehungswissenschaftlerin in ihrer Videovorlesung über die Amokläufe von Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg-Gymnasium und von Tim Kretschmer in Winnenden bis zum Völkermörder Hitler darüber nach: Die Ursachen seien wohl "singulärer Natur". Und David meint, unsere Normalität verbiete das Scheitern, deshalb sei nur der Erfolgreiche erlaubt und zugelassen. Ein Glück, dass einem solch Mediziner im wirklichen Leben erspart bleibt!
Der Verlag wirbt für das Stück mit "Ein konzentrierter Theaterabend aus dem Heute geschnitten". Schön wär\'s ja! Das ganze bleibt so unbefriedigend, weil zur Vermittlung der kargen Botschaft das technische Medium Video bis zum Abwinken genutzt wird. Und weil nichts von Belang verhandelt wird. David Weber spielt sich was mit der Kamera. Mari Jókai starrt wie gebannt auf den riesigen Bildschirm und taucht zudem noch im langen Vorlesungsvideo (von Fritz Eichhorn) auf. Kein Blickkontakt vom einen zum anderen Zimmerchen der Akteure (im symbolhaften Bühnenbild von Susanne Bachmann, das beide doch als Teil eines Ganzen zeigt). Die beiden Darsteller sind vom Autor zu sturer Nichtbeachtung des anderen verurteilt.
Dabei waren Zwei-Personen-Stücke doch einmal für zwischenmenschliche Kontaktaufnahme, für spannungs- wie kunstvolle Auseinandersetzung wichtig. Von Kiltys "Geliebter Lügner" bis "Aufschrei" von Tennessee Williams. Hier wurden - wie gerade auch im aktuellen Monolog "Klamms Krieg" mit Benedikt Florian Schörnig am Nordharzer Städtebundtheater - Themen verhandelt, die von Liebe, Hass und Leid, Leben und Tod in gesellschaftlicher Relevanz künden. Nicht im Niemandsland der Bedeutungslosigkeit von Wörtern.
Warum es so ist, wie es ist? Auf diese Frage wissen "Die unterbliebenen Worte" keine Antwort. Welche Worte überhaupt sollen das sein? Das Stück plappert so viel. Am Ende ist David tot, und Mari verabredet sich mit ihrem Schatz. Man sieht sich!
Im Programmheft gibt Regisseur Arnold Hofheinz Auskünfte über die Annäherung an den Text und zur Probenarbeit. Sie sind präzise und überlegt - was über das Stück nicht zu sagen ist. Das eben ist die Krux des kleinen, von Sparzwängen arg gebeutelten Hauses, dass man ein Stück lange vor der Inszenierung binden muss, dass man es nicht für bestimmte Schauspieler und Situationen passgenau auswählen kann und dass es - klar - mit minimalem personellen und finanziellen Aufwand zu realisieren sein soll. Siebenschuh, Hofheinz, Vogel und ihr Dramaturg Sebastian Fust tun mir leid, weil sie sich an einem Stück abrackern mussten, das ihr Talent und die immense Mühe einfach nur verschleißt.