München (dpa) l Ein Alptraum für Eltern, wenn das Kind spurlos verschwindet. So geschehen in der nordenglischen Stadt Scarborough. Als Deborah Goldsby aus dem Supermarkt zum Auto zurückkommt, ist ihre Tochter Amelie weg. Die 14-Jährige wollte dort warten. Doch weit und breit keine Spur von dem Mädchen, dessen Mutter schnell in Panik gerät und nicht nur Nachbarn und Freunde, sondern auch umgehend die Polizei alarmiert. Sollte sie entführt worden sein? In nahen Hochmooren war erst kürzlich die Leiche einer anderen 14-Jährigen entdeckt worden, nach der vergeblich gefahndet worden war.

So beginnt eine nervenaufreibende Suche nach Amelie. Genauso auch der Titel des neuen Kriminalromans von Charlotte Link, „Die Suche“. Die Goldsbys befürchten schon bald einen Zusammenhang zwischen der Toten und dem Verschwinden von Amelie. Und auch Detective Chief Inspector Caleb Hale von der örtlichen Polizei kann sich dem nicht verschließen. Womöglich ein Serienmörder?

Die Tote im Moor

Saskia Morris, die Tote im Moor, war vor etwa einem Jahr verschwunden. Ihre Autopsie ergab, dass sie verhungert und verdurstet war – aber erst vor zwei, drei Monaten. Zwar nährt das Überlegungen, dass Amelie noch am Leben ist, dennoch sind die Goldsbys am Verzweifeln – zumal die Mutter zu der schwer pubertierenden Tochter alles andere als ein gutes Verhältnis und sich nicht gerade einvernehmlich von dem im Auto wartenden Mädchen vorübergehend verabschiedet hatte.

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In ihrer Not bittet Pensionsinhaberin Deborah ihren derzeit einzigen Gast um Hilfe: Kate Linville, von der sie weiß, dass sie Sergeant bei Scotland Yard in London ist. Freunden der Link-Krimis wird Kates Name ebenso bekannt vorkommen wie der Caleb Hales. Beide Polizisten waren bereits in einem der letzten Romane, „Die Betrogene“ (2015), gemeinsam aktiv. Damals ging es um den Mord an Kates Vater, der Calebs Vorgänger im Amt war.

Zwei Ermittler im Konflikt

Nun ist Kate wieder in ihrem Heimatort, um das Elternhaus zu verkaufen. Ihr ist klar, dass sie Hale nicht ins Handwerk pfuschen darf. Schon seinerzeit, bei der Aufklärung des Mordes an ihrem Vater, hatte sie ohne Berechtigung mitgearbeitet und schließlich den Fall gelöst. Caleb Hale hat es ihr letztendlich nicht übelgenommen. Noch einmal aber würde er wohl kaum eine Einmischung dulden.

Und doch kann sie es nicht lassen. Zumindest heimlich geht sie ein paar Spuren nach. Spuren, von denen Hale erst mal Abstand nimmt: So der Fall eines Mädchens, das vier Jahre zuvor verschwunden war. Zu lange her, keine Verbindung, befindet er. Und auch, als ein weiteres Mädchen vermisst wird, möchte er keinen Zusammenhang herstellen. Denn Mandy Allard war von zu Hause abgehauen, bloß weg von der brutalen Mutter. Von Kidnapping kann hier keine Rede sein.

Nebulöse Nebenpfade

Vier verschwundene Mädchen, vier völlig unterschiedliche Ausgangsszenarien – dass die Autorin sie nicht umsonst schildert, ist jedem Leser klar. Er stellt deshalb – anders als die Polizei von Scarborough – natürlich einen Zusammenhang her. Unterstützendes Element in dem sehr spannenden und chronologisch aufgebauten Roman sind die Einblendungen einer Stimme, die nach und nach ihre Position zu den Mädchen offenbart.

Routiniert führt Charlotte Link, eine der erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen der Gegenwart (rund 28,5 Millionen verkaufte Bücher allein in Deutschland), Leser und Ermittler auf nebulöse Nebenpfade, bevor sie mit überraschenden Wendungen die Ziellinie erreicht.