Magdeburg l In den beweglichen Paneelen an der Fassade des Museums-Westflügels spiegelt sich die Umgebung. Schaut der Betrachter genau, sieht er in dieser Kunst-am-Bau-Installation einer Berliner Künstlergruppe auch die Skulptur „Die Insel der Puppen“ von Alicia Paz, die seit einem Jahr direkt vor dem Museum steht. Und wenn es dunkel wird, leuchten in den Rundbogenfenstern der Türme der einstigen Stiftskirche Neon-Tauben des Berliner Installationskünstlers Dott.

Jetzt nun gibt es ein weiteres dauerhaftes Kunstwerk: Die Schlaufen des Martin Assig. Zu sehen sind sie im Kirchenschiff. Das dient als Konzerthalle. Museumschefin Annegret ­Laabs schaut zur gestrigen Präsentation beglückt: „Wir haben ein Werk von einem ganz wichtigen Maler und Zeichner. Martin Assig ist in vielen Sammlungen zwischen München und New York vertreten. Und jetzt auch in Magdeburg.“

Lebensweg symbolisiert

Martin Assig, der in Berlin an der Hochschule der Künste studierte und in der Bundeshauptstadt lebt und arbeitet, geht mit sichtbarer Freude über seine Kunst mit den Schlangenlinien, Textfragmenten und Symbolen. All das würde einen Lebensweg symbolisieren. „Weil ich geboren wurde.“ Und: „Weil ich Mensch bin“, auch die Frage „Wann werde ich unsichtbar?“ steht dort zu Füßen. Man entdeckt das Wörtchen „Ja“ in zwei Richtungen. „Das Bodenbild kann von zwei Seiten betreten werden und soll von jedem Punkt erlebbar sein“, sagt Assig. Der Betrachter solle sich mit einer eigenen Existenz konfrontiert sehen, mit Fragen um Leben und Tod im einst kirchlichen Raum. „Gott“ steht in Versalien neben einem dicken Kringel. Der Berliner meint, der Betrachter könne wie in einem Labyrinth à la Chartre (und des Domes Magdeburg) versuchen, den Weg zu Gott zu finden.

Bei Assig sind es Schlangenlinien, Wellen, Strömungen, die gefühlt immer weiterlaufen. Ein Verweis auf die nahe Elbe? Auf Schwingungen, die immer in uns sind? Man darf vieles interpretieren.

100 Quadratmeter misst das Bodenkunstwerk. Es ist Assigs bisher größte Arbeit. Anfangs sei diese Dimension für ihn unvorstellbar gewesen, erzählt er. Skizzen habe er aneinanderfügen müssen, damit Schrift und Linien im Kontext ihre Kraft finden. In seinem ­Atelier war solch ein Ausmaß aber nicht möglich. Ein Abschreiten 1:1 auch nicht.

Schlichtheit im Fokus

Nicht nur deshalb hatte der mehrfach ausgezeichnete Künstler (unter anderem Käthe-Kollwitz-Preis) Respekt vor dieser Aufgabe. Hinzu kam der Respekt vor dem besonderen Raum dieser einstigen Stiftskirche mit ihrer Architektur und Schlichtheit. Dort atmet noch das Mittelalter.

Die Arbeit sollte nicht zu farbig sein, sagt Martin Assig. Sie sollte sich einordnen als moderne Äußerung, ohne wie ein Fremdkörper zu wirken. Jetzt zeigt er sich mit dem Ergebnis hochzufrieden: „Dass es so gut funktioniert, habe ich mir anfangs nicht vorstellen können.“

Wer sein Kunstwerk mit einer riesigen Grabplatte vergleichen will, liegt keineswegs falsch. Unterhalb des Bereiches befindet sich der Memorialraum für den einstigen Bischof Norbert von Xanten. Der Raum wurde saniert und ist jetzt zugänglich. Dafür musste die Decke angehoben werden – so wie es im 17. Jahrhundert schon einmal war. Ein großes Podest (für die Musiker) ist nun entstanden – der begehbare Ort für das Fußbodenwerk. Dessen Technik – eine Arbeit in Estrich, ausgeschnitten, eingelegt, geschliffen, nichts Aufgemaltes –, war laut Annegret Laabs im Mittelalter in unserem Gebiet beheimatet und üblich in der Ausstattung von Kirchen. „Auch dieser Raum kennt aus dem Hochmittelalter Estriche mit bildlichen Darstellungen“, sagt Laabs. Mit dieser Kunst schließe sich der Kreis in die Geschichte.