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Mehr als 1000 Gäste beim Konzert im Alten Theater Magdeburg Legendäres und Weichgespültes

Von Rolf-Dietmar Schmidt 01.07.2010, 05:16

Bei tropischen Temperaturen in und außerhalb des Alten Theaters in Magdeburg haben mehr als 1000 Besucher das Nachholkonzert der Kultband "Silly" am Dienstagabend mit begeistertem Beifall gefeiert. "Alles Rot" heißt nach 14 Jahren das neue Album, und die Tour 2010 steht ebenfalls ganz in diesem Zeichen.

Magdeburg. "Silly" verkörpert etwas, was nur ganz wenigen Bands der DDR-Szene gelungen ist. Ohne die Wurzeln zu verleugnen und trotz des Ersatzes der prägenden Musikanten, gelingt den Künstlern der Spagat zwischen den Kulttiteln der 1980er Jahre und den Musikansprüchen der Gegenwart. So kommt nach wie vor ein beachtlicher Teil des Publikums zu den Konzerten, um in Erinnerungen zu schwelgen, aber die übergroße Zahl will die Musik von "Silly 2010" hören. Letztlich kommen alle auf ihre Kosten.

Zwischen 1981 und 1996 produzierten die Musiker sieben Studioalben. Pikanterweise erschien das erste in Westberlin, weil ein Musikproduzent aus dem Westteil der Stadt auf die unangepasste und künstlerisch kompromisslose Band aufmerksam geworden war. Das DDR-Plattenlabel "Amiga" geriet dadurch in Zugzwang und brachte nun seinerseits ein Album von "Silly" heraus. Das war der Durchbruch, dem nach der Wende ein künstlerisches Vakuum folgte. Durch den Tod der charismatischen Frontfrau Tamara Danz 1996 folgte eine lange Pause, und eigentlich war das schon das Ende der Band. Die verbliebenen Musiker gingen eigenen Projekten nach, Jäcki Reznicek unter anderem als Dozent an der Dresdner Musikhochschule, Uwe Hassbecker als gefragter Studiomusiker und zusammen mit Ritchie Barton als Musikproduzent. Herbert Junck starb 2005.

Zehn Jahre nach dem Tod von Tamara Danz haben dann die drei verbliebenen Musiker mit der Schauspielerin Anna Loos eine neue Sängerin gefunden. Das war die Wiedergeburt von "Silly".

Nach 14 Jahren legen sie nun mit "Alles Rot" ihr neues Album vor und starten ihre Tour 2010. Und als ob die treuen alten und neuen Fans darauf gewartet hätten, stehen sie mit Enthusiasmus hinter ihren Rockidolen. Deren Popularität ist längst nicht auf den Osten beschränkt. Ein Blick auf den Tourneekalender zeigt, dass sie in den westlichen Bundesländern ebenso gefragt sind.

Und trotzdem: Hört man genau hin (was an diesem Abend in Magdeburg wegen einer hoffnungslos überforderten Tontechnik leider schwierig war), dann merkt man schon sehr schnell, dass vieles dem Zeitgeschmack entsprechend "weichgespült" ist. Die Ecken und Kanten der alten "Sillys", geprägt durch absolute Kompromisslosigkeit im künstlerischen Wechselspiel von Musik und Text, sind abgeschliffen. Der Spannungsbogen, der dadurch entstand, dass sich die Musikanten um Tamara Danz immer an der Grenze des gerade noch Machbaren bewegten, fehlt. Das ist kein Vorwurf, aber wer sich in die Gefilde des Bundes-Song-Contests mit Stefan Raab begibt, kommt wohl um den Massengeschmack nicht herum. Und genau das ist etwas, was für die alten "Sillys" nie verhandelbar gewesen wäre.

Es lohnt sich dennoch, in das neue Album reinzuhören, denn die Lieder sind es trotz aller Einwände wert. Hier kann man auch die vielen künstlerischen Nuancen, die leisen Töne und den ursprünglichen Rock genießen, der zumindest im Magdeburger Konzert in einem undefinierbaren Frequenzbrei völlig unterging.

Der Begeisterung der Zuhörer tat das dennoch keinen Abbruch, so dass als Zugabe dann auch das legendäre "Bataillon d’ Amour" von Anna Loos gesungen wurde. Die normalerweise damit verbundene "Gänsehaut" allerdings blieb aus, was aber vielleicht auch der Hitze der Nacht zuzuschreiben war.