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Theater-Premiere Mehr Holzweg als Autobahn

Im Magdeburger Schauspielhaus wird die "Bunbury"-Inszenierung von Matthias Fontheim uraufgeführt.

Von Gisela Begrich 04.12.2017, 01:00

Magdeburg l Wilde produzierte eine Vielzahl prägnanter Bemerkungen, die treffend und trefflich sind und zugleich gewollt verwirrend, die oft dem Bedeutungslosen eine wunderbare Bedeutung verleihen und, was er auch beherrschte, wirklich Bedeutendes geistreich formulieren. Aber im digitalen Zeitalter werden wir alle auf den unterschiedlichsten Kanälen mit Sprüchen regelrecht bombardiert, so dass selbst die gelungenste Sentenz in die Inflation getrieben wird. Regisseur Fontheim wählte die Methode, eher das Seichte zu entlarven, als dem gelungenen Apercu zu Glanz zu verhelfen.

Dazu verführte ihn sicher auch die zeitliche Distanz von 120 Jahren und der soziale Unterschied: Dort die Befindlichkeit einer englischen Oberschicht und ihre gelangweilten Selbstdarsteller und hier zu Magdeburg 2017 Alltagsmenschen, die zu ihrem Vergnügen ins Theater schreiten. Was für eine Diskrepanz! Und schließt sich die Schere? Jein.

Stefan Heyne (Ausstattung) baute einen Raum, der ein „Wetten, dass …?“-Ambiente assoziiert. Die hintere obere Ebene bilden Spiegeltüren, darunter mehrsitzige Couchgarnituren, in der Mitte eine Bar. Die Spiegeltüren bieten genügend Gelegenheiten, sich zu verirren und sich die Köpfe zu stoßen, was vor allem Oliver Niemeier, der die beiden Dienerrollen spielt, aufs Drolligste vorführt.

Um auf die eigentliche Spielfläche zu gelangen, muss jeder Akteur die Sofas überwinden, denn eine Treppe fehlt. Daran scheitert am effektvollsten immer wieder Iris Albrecht als Lady Bracknell. Niemeier und Albrecht kassieren viele Lacher.

In dieser Show-Atmosphäre statten alle Darsteller ihre Figuren mit einem kräftigen Hauch von Schnickschnack aus, Show eben, der bisweilen die verbalen Aussagen versimpelt und verschenkt.

Christoph Förster verleiht dem Algernon Moncrieff anfangs das Klischee eines Homosexuellen, als wollte er die beiden Lebens-Seiten des Lebemannes Oscar Wilde zitieren. Pia-Micaela Barucki überzieht die Gwendolen gnadenlos in erotische Zuständlichkeiten und in überschwängliche, nahezu choreographische Gestik, eine Spielweise, die modifiziert auch Maike Schroeter als Cecily auszeichnet.

Bei allen genannten Darstellern dominieren plötzliche Brüche, Arien des Schreiens, große Gänge und aufgesetzte Ausschweifungen, die in ihren Äußerlichkeiten fragwürdig sind. Da gerät der Versuch, die Unerheblichkeit der Vorgänge zu offenbaren, selbst ins Seichte und verfehlt das Ziel zu unterhalten gefühlt bei siebzig Prozent des Publikums. Die 90 Minuten ohne Pause transportieren beinahe ohne Pause Entertainment, das sich schnell ins Inhaltsleere verliert. Doch was die einen gelangweilt hinnehmen, macht das Vergnügen anderer aus: Showtime eben.

Susi Wirth als Miss Prism und Uwe Fischer als Pastor Chasuble bedienen ebenfalls den Aberwitz, aber sie nutzen die Chance, den tatsächlichen Konflikt dieser Figuren deutlich zu fixieren.

Amadeus Köhli als John Worthing ist es punktuell vergönnt – obgleich er sich auch all der Marotten bedient, wie zeitgenössische Comedy ihr Publikum zum Toben bringt – Spannung herzustellen, weil er Ruhepunkte verwalten darf, und im dritten Bild schafft er es gar auf diese Weise, die Stimmung im Publikum mehrheitlich kippen zu lassen in Richtung: Das ist ein richtig guter Abend. Ist es aber nicht wirklich.

Es bleibt bei gut gewollt und bei sehr schönen, extravaganten Kostümen. Nach dem Hoch fallen die Aktienwerte gleich wieder. Der Weg zurück zu Oscar Wilde über die Show-Bühne der Gegenwart führt zu der Erkenntnis: Mehr Holzweg als Autobahn. Retten wir diesen Wilde mit Wilde selbst: „Journalismus: Organisierte Verleumdung.“ Also, überzeugen Sie sich selbst.