Magdeburg l Seit Jahren engagieren sich die Toten Hosen politisch. Zuletzt sorgte Frontsänger Campino bei der Echo-Verleihung mit seiner Kritik an Kollegah und Farid Bang für Aufsehen. Im Volksstimme-Interview mit Fabian Biastoch spricht der 56-Jährige auch über seine Leidenschaft für den FC Liverpool und nächtliches baden in Dresden.

Welches Ereignis war emotionaler: Der Aufstieg der Fortuna aus Düsseldorf oder das Champions-League-Finale des FC Liverpool?

Campino: Ich habe mich wahnsinnig für und mit Fortuna Düsseldorf gefreut. Zeitgleich hat Liverpools Niederlage gegen Real Madrid sehr wehgetan. Ich bin mir sicher, dass der FC eine richtige Chance gehabt hätte, wenn Sergio Ramos Mohamed Salah nicht so früh aus dem Spiel gekegelt hätte.

Wird Jürgen Klopp mit Liverpool einen Titel gewinnen können?

Ich denke, dass Jürgen Klopp zu hundert Prozent der richtige Mann für Liverpool ist. Seitdem er in der Verantwortung steht, hat sich eine Menge getan. Der ganze Verein ist in einer großen Aufbruchsstimmung. Das ist auch der große Unterschied zu den Jahren davor, wo sich die Leute mit den Erfolgen der Vergangenheit zufrieden gegeben haben, ohne Hoffnung auf die Gegenwart. Ich glaube, dass Liverpool im Kampf um die englische Meisterschaft in der nächsten Saison der große Konkurrent von Manchester City sein wird. Auf jeden Fall sind sie auf dem Papier wieder ein Top-Ten-Klub in Europa.

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Wie oft bist du selbst in Anfield vor Ort?

Ich versuche, so oft dort zu sein, wie es nur geht und habe eine Dauerkarte, die ich an Freunde weitergebe, wenn ich selbst nicht vor Ort sein kann. So ist es auch bei Fortuna Düsseldorf, wo ich regelmäßig zu Gast bin.

Das Album „Laune der Natur“ beginnt gleich mit einem Knall. Ist „Urknall“ die Wut über das aktuelle Business oder die leise Hoffnung, am liebsten wieder so Musik machen zu können wie früher?

Wir wollten mit diesem Lied ganz klar eine Ansage machen, dass wir im Hier und Jetzt Spaß haben. Die darin beschriebene Rückkehr in die Vergangenheit ist nur die Aufforderung, sich wieder auf die Grundlagen zu besinnen. Wir waren im Laufe der Jahre auch mal abgelenkt, haben uns von roten Teppichen und Preisverleihungen beeindrucken lassen. In „Urknall“ geht es um die Fokussierung auf das Wesentliche.

Bereut ihr einen Fehler?

Ich kann im Nachhinein betrachtet vieles erkennen, was ich mit dem Wissen von heute anders oder gar nicht gemacht hätte. Aber aus diesen Fehlern lernt man wiederum. Alles in allem bin ich unglaublich glücklich, wo wir stehen. Auf manche Dinge wären wir nicht gekommen, wenn wir nicht auch mal falsche Entscheidungen getroffen hätten. Im Nachhinein reflektierst du dann dein Verhalten und machst es beim nächsten Mal anders. Den Satz „ich bereue nichts“ halte ich daher auch für einen der dümmsten, den man sagen kann.

Bereust du also auch den Ausflug in ein Dresdner Schwimmbad zu nachtschlafender Stunde nicht?

Nein. Manch einer wurde hingerichtet für seinen Pioniergeist und den Mut vorne weg zu gehen. So schlimm war es bei mir Gott sei Dank nicht und es freut mich, dass die Menschen in Dresden nun das Nachtschwimmen entdeckt haben. Die Dresdner Bädergesellschaft organisierte vor kurzem eine Party in diesem Schwimmbad, die bis 1:54 Uhr ging – also genau dem Zeitpunkt, als ich das Bild veröffentlicht habe.

Wart ihr auch selbst vor Ort?

Nein, das nicht, aber wir haben einen feucht-fröhlichen Gruß geschickt, mehrere Bierkisten „Hosen Hell“.

Da sind wir schon beim Stichwort Bier. Wie seid ihr denn auf eure Sorte gekommen?

Unser Bier muss jedenfalls nicht den Vergleich mit anderen guten Marken scheuen. Wir haben zehn Jahre daran gebastelt und es dann mit viel Leidenschaft umgesetzt. Natürlich hätten wir auch einfach eine Billigmarke vom Discounter nehmen und schnell unseren Namen draufkleben können. Aber das wollten wir nicht.

Wie emotional ist „Laune der Natur“?

In dem Zeitraum, als „Laune der Natur“ entstand, verloren wir unseren Manager Jochen und unseren ehemaligen Schlagzeuger Wölli, die beide lange an unserer Seite standen, an Krebs. Klar macht sich der Tod auf dem Album bemerkbar. Das hat uns getroffen und ist auch in den Texten spürbar. Aber auch „Kauf mich“ oder „Opium fürs Volk“ waren Platten, die Themen aufgriffen, die uns damals sehr beschäftigt haben. Unser Umgang mit der Kirche und das Thema Religion spielen beispielsweise eine große Rolle auf „Opium fürs Volk“. Ich bin damals auch in ein Kloster gegangen und habe mich mit einem Abt angefreundet, der noch immer zu meinen engsten Freunden gehört.

Die Hosen treten bald in Sachsen-Anhalt, einer Hochburg der AfD, auf. Wie kann Musik dem anscheinend zum Mainstream gewordenen Hass entgegenwirken? Oder ist der Kampf verloren?

In diesem Zusammenhang würde ich nie das Wort „verloren“ benutzen. Das würde ja heißen, man hätte aufgegeben. Ja, in manchen Bundesländern gibt es schwere Probleme. Dort ist die Demokratie in Gefahr. Umso mehr muss man deshalb Stellung beziehen und durchhalten.

Wollt ihr mit eurer Musik zum Umdenken bewegen?

Ob man Menschen mit Musik zum Umdenken bewegen kann, weiß ich nicht, aber zweifelsohne kann man die Leute motivieren, die so denken wie wir. Ich habe unsere Lieder auch immer mehr als Stimmungs- und Mutmacher für die verstanden, die klare Kante gegen Rechtsaußen zeigen. Es geht weniger darum, intolerante Menschen wieder zurückzuholen. Das ist auch zu viel verlangt von einem einzigen Lied.

Bei der Echo-Verleihung hast du als Einziger das Wort ergriffen und den Text von Farid Bang und Kollegah mit deutlichen Worten kritisiert. Warum machen das keine anderen etablierten Musiker?

Ich denke, dass sich viele Menschen im Vorfeld nicht mit dem Lied auseinandergesetzt und deshalb den ganzen Trubel darum nicht mitbekommen haben. Beim Echo ist es dann zu einer Art „High-Noon-Situation“ gekommen. Es war schon ein wenig paradox: Einerseits beschimpfte man den Echo als oberflächig und überflüssig, andererseits sollte diese Veranstaltung dann ein moralisches Vorbild sein.

Dieses Problem betrifft aber die ganze Gesellschaft, nicht nur eine Preisverleihung. Es geht auch nicht um zwei Gangsterrapper. Davon gibt es ja viele. Derlei Grenzübertretungen gibt es auch in anderen Genres. Was allein bei Rechtsrock-Texten durchgewinkt wird, da rollt es einem die Fußnägel hoch.

Hätten die Angesprochenen gleich reagieren oder andere Musiker dir beipflichten müssen?

Ich kann verstehen, dass man nicht immer weiß, wie man sich bei einer solch überraschenden Konfrontation verhalten soll. Wenn man dann aber nach Hause geht ohne etwas gesagt zu haben, ist es zu spät. Im Nachhinein wünscht man sich dann, man hätte besser reagiert. In solchen Momenten eine gewisse Zivilcourage zu zeigen, ist vielleicht nicht einfach. Dafür braucht man schon ein gewisses Selbstbewusstsein. Ich nehme es keinem übel, sich nicht eingemischt zu haben. Ich persönlich musste aber in dem Moment einfach etwas unternehmen.

Wie bist du mit den negativen Reaktionen im Nachgang umgegangen?

Ich habe mir weder die positiven noch die negativen Kommentare intensiv angeschaut, aber der Zuspruch, den ich in dem Moment erfahren habe, war sehr schön. Wir sind zwei Tage nach der Veranstaltung dann mit den Toten Hosen auf Tour nach China gefahren, sodass ich erst einmal etwas Abstand gewinnen konnte.

Neben „Laune der Natur“ habt ihr auch „Learning English: Lesson 2“ veröffentlicht. Warum erst jetzt?

Aufgrund des Titels „Learning English: Lesson 1“, die Anfang der 1990er Jahre erschien, war ja eigentlich klar, dass es auch eine zweite geben muss. Wir haben uns damals vorgestellt, dass das eine andere Band übernehmen würde, aber es fühlte sich leider niemand dazu berufen. Im Laufe der Jahre haben wir im Proberaum aber immer wieder alte Klassiker gespielt. Da hat es uns irgendwann in den Fingern gejuckt, unsere Liste der Lieblingslieder aus den 1970er Jahren weiterzuführen. Es gibt einfach so viele tolle Stücke und Typen aus dieser Phase, da könnten wir zehn solcher Scheiben machen.

Wird es also auch eine „Lesson 3“ geben?

In meinem Kopf gibt es die auf jeden Fall, weil ich weiß, welche Lieder ich unbedingt noch spielen will. Ob das jemals realisiert wird, weiß ich allerdings nicht. Das sollten dann aber eigentlich so langsam mal andere Bands machen, die ihre Wurzeln in der Musik dieser Zeit verorten. Ich würde es mir auf jeden Fall anhören!