Von F.-René Braune Perfider Salat oder: Die Teufelin vom Gemüsestand
Eine Woche war es her, dass Harald bei mir ausgezogen war, nachdem er Frau Luderowinskowsky im Supermarkt kennengelernt hatte. Er wollte Tomatensalat-Rezepte austauschen und sich von ihr benutzen lassen. So hatte er es formuliert und damit heterosexuelle Hoffnungen verbunden. Ich war einigermaßen besorgt, denn anatomisch betrachtet neigte mein Freund kaum zum Latin Lover. Nachdem ein Dutzend Anrufe bei ihm keinen Abnehmer gefunden hatte, ging ich kurzentschlossen zu seinem Haus.
Die heruntergelassenen Jalousien vermittelten den Eindruck einer Festung. Weil mehrfaches Klingeln erfolglos blieb, klopfte ich hinten an die Terrassentür. Wenige Sekunden später war ich nicht nur im Wohnzimmer, sondern auch zutiefst erschüttert: Mein Freund trug pinkfarbene Boxershorts und ein seidenes Unterhemd in Lila. Dunkle Augenringe unter einem hoffnungslos verwuselten Haarschopf ließen ihn im Zusammenspiel mit einer unrasierten Blässe optisch in die Nähe eines Untoten geraten.
Als ich die Jalousien hochzog, tauchte die grelle Sonne sein Wohnzimmer in ein furchterregendes Licht: Der Boden war von Kleidungsstücken und leeren Weinflaschen übersät. Dazwischen wahllos verstreute Kissen und Decken. Als ich registriert hatte, dass Haralds Atmung einen relativ regelmäßigen Eindruck machte, fragte ich, ob er eine Punkband beherbergt hätte. "Schlimmer", hörte ich von ihm. "Viel schlimmer. Es war eine Frau. Es war die Teufelin vom Gemüsestand."
Ein kräftiger Schluck aus einer halbwegs gefüllten Flasche "Edler vom Mornag" löste bei ihm einen verbalen Tsunami aus. Offenbar habe seine neue ehemalige Bekanntschaft mehrere Jahre auf männliche Gesellschaft verzichten müssen und ihm deshalb mit dem perfiden Tomatensalat eine ganz hinterlistige Falle gestellt.
"Sie war kaum im Zimmer", erzählte er weiter, "da flogen die Knöpfe meines besten Hemdes wie Springkrautsamen durch die Gegend. Dann musste ich vorübergehend diese Unterwäsche anziehen, die ihrem verstorbenen Mann gehört hatte. Um gleich zu Beginn etwas Farbe in unsere Beziehung zu bringen. Das war vor drei Tagen. Heute morgen ist sie grußlos verschwunden. Aber frag\' nicht weiter, es war einfach zu schrecklich."
Obwohl ich die Tränen bemerkte, die sich in Haralds Gesicht zeigten, konnte ich mir eine Frage nicht verkneifen: "War es nicht genau das, was du wolltest?" Haralds Tonfall war deprimierend: "Ich wollte ein Abenteuer, kein Trainingslager. Ein bisschen Abwechslung, aber keine Sklaverei. Wie kann eine Kreatur, die geboren wurde, Leben zu schenken, nur so grausam sein? Warum kann man denn mit denen nicht einfach übers Wetter reden und ein bisschen Spaß haben?"
Haralds Verallgemeinerung der Spezies Frau ließ mich nun doch barschere Töne anschlagen: "Du kannst dich nicht in einen Ameisenhaufen setzen und dich dann ärgern, weil es kitzelt. Also komm wieder runter. Außerdem hast du doch mit deiner Freundin Sabine nie richtig Schluss gemacht."
Ganz unerwartet zeigte sich bei ihm der Hauch eines Lächelns. "Das ist aber schon ein paar Monate her. Glaubst du, dass ich sie anrufen könnte, wenn ich wieder zu Kräften gekommen bin?" Ich nickte energisch und wies auf den Wohnzimmerboden: "Und mit dem hier ...", Harald unterbrach mich: "...sollten wir sie wirklich nicht belasten ..."