"Mutters Courage" feierte Premiere am Theater der Altmark Sei ein braves Mädchen
Taboris "Mutters Courage" hat Premiere im Theater der Altmark gefeiert. Auf der Hinterbühne des Großen Hauses gingen rund 70 Minuten ohne Pause wie im Flug vorbei. Am Ende gab es vom aufgeheiterten und nachdenklichen Publikum verdienten Applaus für Yaron Goldsteins Inszenierung.
Stendal l Elsa Tabori zieht das gute Kleid an, setzt den Hut auf und packt ihre Handtasche. 1944 ist es gefährlich geworden auf den Straßen Budapests für jüdische Bürger, aber einem guten Romméspiel bei ihrer Schwester kann Elsa nicht widerstehen. Tatsächlich wird sie auf der Straße verhaftet. Polizist Klapka bringt die ältliche Dame zum Westbahnhof: Sie soll nach Auschwitz deportiert werden.
Wie taucht man unter als Dame im guten Kleid mit Hut und Tasche?
Alt und vertrottelt ist dieser Klapka. Und so verhaftet Elsa sich eigentlich selbst, denn mit den Handschellen kommt der Polizist nicht zurecht und an der Straßenbahnhaltestelle bleibt er zurück. Hier bietet sich die Chance zur Flucht. Doch wie taucht man unter als Dame im guten Kleid mit passendem Hut und Handtasche? Elsa Tabori weiß es nicht, also steigt sie an der nächsten Haltestelle aus, wartet auf den Polizisten und lässt sich zum Bahnhof bringen.
In "Mutters Courage" erzählt George Tabori die wahre Geschichte seiner Mutter Elsa nach. Es ist eine wundersame Geschichte. Eine heitere Episode in diesem dunklen Kapitel der Geschichte.
Die Figur des Sohns George (Andreas Müller) steht am Rand der Bühne: Er erzählt, Mutter Elsa (Angelika Hofstetter) antwortet, greift manchmal korrigierend ein, spielt das Geschehen nach.
Der Zuschauer sieht mit Elsas Augen, sieht, was ihr in diesem Chaos, diesem Menschengewirr beim Beladen der Waggons und später beim Transport selbst auffällt. Kleine Details nur, die ein unglaublich dichtes Bild hervorrufen.
Elsas Credo lautet: "Sei ein braves Mädchen." Zurückhaltend und bescheiden, wie sie ist, möchte sie mit gutem Betragen darauf hinweisen, dass sie fehl am Platz ist. Rührend! Weiß man doch, dass gutes Betragen in den Vernichtungslagern keine Rolle spielte.
Bei einem Umladehalt nahe der Grenze werden alle Verhafteten in eine alte Ziegelei gesteckt, während auf dem Hof ein deutscher Offizier die Papiere prüft. Elsa hätte niemals gewagt, sich diesem Offizier zu nähern, aber sie trifft Kelemen, diesen unmöglichen Menschen, ein alter Bewunderer der Familie, der sie kurzerhand auf den Hof schubst. "Frau Tabori! Sie gehören nicht hierher! Das müssen Sie sagen!"
Und da steht diese kleine, unscheinbare Frau inmitten der übereifrigen Schergen, rückt ihre Kleidung zurecht und nähert sich dem Deutschen. Das Wunder nimmt seinen Lauf...
Yaron Goldsteins Inszenierung zieht die Zuschauer innerhalb von Minuten in ihren Bann. Dieser Regisseur trifft den "Tabori-Ton": charmant, witzig, unaufdringlich und eindringlich. Eigentlich so eine Plauderei nebenher. Bei diesem Thema nicht einfach.
Transparente Paravents spielen mit Licht und Schatten
Die Ausstattung von Sofia Mazzoni tut ein Weiteres. Transparente Paravents schaffen schnell verschiedene Schauplätze, spielen mit Schatten und Licht, lassen Einblicke zu, verhüllen anderes.
Die drei Schauspieler sind wunderbar. Andreas Müller könnte als Tabori-Double durchgehen. Sein Kollege Florian Kleine wandelt sich vom Volltrottel zum Obertrottel und letztlich zu diesem undurchschaubaren Offizier: angsteinflößend, philosophierend, theologisierend und - ja! - auch sympathisch.
Angelika Hofstetter zeigt als Elsa eine beeindruckende Präsenz und schafft es zugleich, bescheiden und naiv zu wirken. Das Publikum erlebt eine "zurückgenommene" Hofstetter: kleine, intensive Gesten und Bewegungen. Sehr anrührend und überzeugend.
Fazit: Ansehen! Diese märchenhafte, heitere Anekdote, die inmitten des Grauens angesiedelt ist, sollte man nicht verpassen.
Nächste Aufführung: Freitag, 19. April, 19.30 Uhr, Stendal