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Premiere für Lehárs Erfolgsoperette "Die lustige Witwe" am Theater Dessau Turbulente Beziehungswirren mit unvergesslichen Melodien

Von Helmut Rohm 05.11.2012, 01:26

Operette kann immer noch Spaß machen. Franz Lehárs "Die lustige Witwe", Uraufführung 1905 in Wien, hatte am Sonnabend im Anhaltischen Theater Dessau in der Regie von Johannes Zametzer ihre bejubelte Premiere.

Dessau-Roßlau l Die Regierung des kleinen Balkanstaates Pontevedro kabelt in die Pariser Botschaft: "Wir stehen vor dem Staatsbankrott!" Doch keine EZB hilft. Kein EU-Rettungsschirm ist aufgespannt. Der Gesandte Baron Zeta ist gefordert. Mit den 20 Millionen einer zur reichen Witwe gewordenen ehemaligen armen Pontevedrinerin könnte die Staatsinsolvenz abwendet werden. Wenn sie geschickt verheiratet wird.

Das Spiel um Liebe und Geld beginnt auf einem Fest in der Botschaft. Die Fähnchen wehen. Offensichtlich ein Fluggerät landet mit großem Getöse. Der Witwe Hanna wird der rote Teppich ausgerollt.

Wie ein Schmeißfliegenschwarm rotten sich Männermassen um die mondän daherkommende, wohl vor allem des Geldes wegen begehrte Frau. Angelina Ruzzafante, meisterlich in allen Sopranlagen und vor allem bestechend mühelos klar in den Höhen, präsentiert zudem eine letztendlich lebensbejahende Frau mit all ihren Zweifeln, Wünschen und hoher Emotionalität. Es war ganz still im Publikum, als sie die "Vilja-Ballade" mit effektvollem Background des unsichtbaren Chores intonierte. Sie stellt jedoch überzeugend eine Frau dar, die sich nicht fremdbestimmt verheiraten lässt, sondern selbstbestimmt entscheidet, wen sie ehelichen möchte.

Fast unbemerkt, arg durchnächtigt von aufregenden Besuchen bei den Grisetten im Maxim, erscheint Graf Danilo, der potentielle Bräutigam, der "Vaterlandsretter". Das Problem: Beide haben sich früher schon einmal geliebt, aber Standesunterschiede wegen durfte Graf Danilo nicht heiraten. Beider Liebe erwacht wieder. Doch der von Wiard Witholt dargestellte Graf Danilo zerfleischt sich fast zwischen dieser Liebe und dem möglichen Vorwurf, sie nur des Geldes wegen zu begehren. Hat er eine zweite Chance?

Es ist köstlich zu erleben, wie sich beide zärtlich annähern, wechselseitig gespielt garstig zurückweisen, erneut das Aufeinanderzugehen praktizieren. Ja, das Happy End kommt. Mit einem Trick gibt sie nämlich vor, nicht über ihr Geld verfügen zu dürfen. Graf Danilo ist des Glückes voll. Heirat ist bei Wahrung des Gesichtes möglich. Das Vaterland ist gerettet.

Die Zuschauer werden mitgenommen in ein pralles Pariser Nachtleben. Sie erleben eigentlich zu verurteilende, doch gerade in Operetten sehr unterhaltsam daherkommende turbulente, amourös geprägte Beziehungswirren, in denen vor allem betrogene Ehemänner dominant sind. Ein neues Frauenbild hat sich gemeldet. Schon damals bei Lehár. Erst recht in der Gegenwart, in der Johannes Zametzer seine Inszenierung angesiedelt hat.

Bis in die heutige Zeit unvergessliche Melodien

Neben Hanna-Danilo präsentieren sich Valencienne (Cornelia Marschall), des Barons Frau, und ihr Liebhaber Camille (Artjom Korotkov) als ein aktiv glaubhaft verliebtes Paar. Auch wenn sie immer wieder singend beteuert: "Ich bin eine anständige Frau." Ein Paar besonderer Bindung sind der meist trottelige, eigentlich bedauernswerte, betrogene Ehemann Baron Zeta (Gerald Fiedler komödiantisch gut, im Gesang eher mäßig) und sein agiler Sekretär Njegus (von Kristina Baran pfiffig dargestellt).

Zametzer setzt nach der Pause (nach dem 1. Akt) spürbar gelungener auf beim Publikum gut ankommende Situationskomik, deutet diese oft nur in Nuancen, doch stets trefflich an.

Der Chor (Helmut Sonne) zeigt sich in bester Sanges- und Spiellaune. Mitglieder der hauseigenen Ballettcompagnie präsentieren sich fabelhaft nicht nur als Grisetten. Johannes Zametzer inszeniert diese Operette in einem mehr karg ausgestatteten Bühnenbild (Gerhard Meyer), das ein paar kleine Gags in sich birgt, so zum Beispiel mit Hannas Yacht als Spielort des zweiten Aktes. Ihre Kostüme gestaltet Katja Schröpfer elegant mondän bis "normal menschlich".

Und aus dem Graben schickt die Anhaltische Philharmonie unter Wolfgang Kluge die Musik mit Tempo und Esprit in den Raum. Fast jede Gesangsnummer ist ein Hit. Es sind, ohne Nostalgie zu predigen, bis heute unvergessliche Melodien. So wie der voluminöse Schlussgesang, wenn alle Mitwirkenden "Ja das Studium der Frauen ist schwer ..." skandieren", ehe stürmischer Beifall und Bravorufe einsetzen. Was ohne Hannas Trick geschehen wäre, das möge der Zuschauer weiterdenken.

Nächste Vorstellung: 11. November um 17 Uhr.