Seehausen/Magdeburg l „Man kann sich gar nicht vorstellen, wie wir gearbeitet haben“, sprudelt Walter Fiedler los. „Wir hatten ein Büro für drei Abgeordnete und ein Telefon. Für unsere gesamte Fraktion gab es einen Kopierer und nur eine Handvoll Sekretärinnen.“

Einige wenige schriftliche Erinnerungen liegen bei ihm zu Hause im altmärkischen Seehausen auf dem Tisch – alles andere hat er im Kopf. Zu aufregend und intensiv war das halbe Jahr im DDR-Parlament, als dass es der 75-Jährige je vergessen könnte. Die letzte Volkskammer – das waren für die Beteiligten 181 Tage politischer Sprint von März bis Anfang Oktober 1990.

Hinzu kam eine nur schwammige Vorstellung, was die Volkskammer in welcher Zeit bewirken sollte und konnte. „Klar war nur, dass wir die Einheit Deutschlands anstreben“, sagt der Mediziner. „Ich hatte aber mit einem Zeitraum von zwei Jahren gerechnet, also mit einer gewissen Ruhe bei der Vorbereitung.“ Diese ließen das atemberaubende Geschehen im Vereinigungsjahr 1990 nicht zu. „Anfang Juli wurde dann klar, dass wir wohl im Herbst nach Hause gehen können.“

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CDU-Eintritt als Abwehrmanöver

Fiedler war damals bereits 15 Jahre in der Ost-CDU, Mitglied seit dem 31. Dezember 1975. Sein Gedächtnis arbeitet präzise. Trotz seines evangelischen Hintergrundes war der Eintritt in die CDU eigentlich nur ein Abwehrmanöver: Er hatte Wind davon bekommen, dass die SED ihn als tüchtigen Arzt werben wollte und rettete sich in eine Blockpartei. So wie es manch anderer auch tat.

Als aktiver Mensch mischte Walter Fiedler fortan in der CDU mit, vertrat die Partei im Kreistag. Aber stets im vorgegebenen Rahmen des von der Sozialistischen Einheitspartei geführten Demokratischen Blocks. Fiedler trat durchaus kritisch auf – sein berufliches Können machte ihn unangreifbar. Der Anästhesist und Intensivmediziner baute seit 1975 als Abteilungschef im Kreiskrankenhaus die Schnelle Medizinische Hilfe im damaligen Kreis Osterburg auf, beispielgebend für die gesamte Republik.

In der Wendezeit fiel das politische System der DDR in sich zusammen. Die zugekleisterten Gegensätze traten offen zu Tage. Aus so genannten Bündnispartern wurden über Nacht erbitterte Gegner, die sich auch in der Volkskammer bekämpften.

Hatten ein Lothar de Maizière (CDU) und ein Gregor Gysi (erst SED, dann PDS) vormals im Berliner Rechtsanwaltskollegium manchen Strauß zusammen ausgefochten, war das im Parlament nun vorbei. Über den Umgang der Volkskammer-Abgeordneten miteinander sagt Walter Fiedler: „Mit den Kollegen von der SPD war er ganz gut, nachdem wir die Koalition gebildet hatten. Das änderte sich, als die SPD am 20. August 1990 aus der Regierung austrat.“ Zu Täve Schur dagegen, der für die PDS in der Volkskammer saß, habe er keinen Kontakt gehabt.

Die teils äußerst turbulenten Sitzungen der Volkskammer zu leiten, bereitete dem Präsidium einige Mühe. Insbesondere die Volkskammerpräsidentin Sabine Bergmann-Pohl, eine Berufskollegin von Walter Fiedler, war damit sichtlich überfordert.

„Chef im Ring“

Ins politische Rampenlicht trat dafür ihr Stellvertreter: Der aus Haldensleben stammende studierte Mathematiker und Sozialdemokrat Reinhard Höppner. „Chef im Ring war ganz klar Höppner“, lobt Fiedler dessen Amtsführung an der Spitze dieser schwierigen Volksvertretung. „Er hat hervorragende Arbeit geleistet.“

Neben straffer Sitzungsleitung suchte der spätere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt den Konsens. Ministerpräsident de Maizière lag viel daran, die Bodenreform nach 1945 im Vereinigungsprozess nicht anzutasten. Höppner sagte später dazu: „Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir diese Bodenreform nicht rückgängig machen wollen. Das wollten wir zusammen im Einigungsvertrag durchsetzen.“ Sie haben es bekanntermaßen geschafft.

Fiedler merkt an, dass Höppner auch Züge eines „autoritären Führungsstils“ gezeigt habe. Das betraf den Mediziner als Mitglied des Waldheim-Sonderausschusses, der Stasi-Machenschaften im Psychiatrischen Haftkrankenhaus Waldheim in Sachsen untersuchte. Es sei schwierig gewesen, das Thema beim Vizepräsidenten Höppner kurz vor Auflösung der Volkskammer auf der Tagesordnung unterzubringen, berichtet Fiedler.

Seine Ausschussarbeit war es auch, die ihm nach der Wiedervereinigung für weitere zwei Monate ein Abgeordnetenmandat bescherten – im Bundestag bis zur ersten gesamtdeutschen Wahl im Dezember 1990. Insgesamt 144 Parlamentarier, die die Volkskammer aus ihren eigenen Reihen wählte, wurden für diese Übergangszeit in die Bundeshauptstadt Bonn entsandt.

„Das war für mich ein absolutes Aha-Erlebnis“, konstatiert Fiedler. Am 5. Oktober seien die Abgeordneten aus der nun verschwundenen DDR in ein Bundeswehr-Maschine gesetzt und nach Köln/Bonn geflogen worden. Dort erwartete sie eine Heerschar von Beamten. Jedem Neu-Parlamentarier übergaben sie ein Köfferchen mit allen wichtiogen Unterlagen inklusive Schlüssel für ein komplett mit Computer und allen Schikanen ausgestattetem Büro übergeben.

Ángebot aus Leverkusen

Schon einen Tag später, schmunzelt Fiedler noch heute, klopfte ein Herr vom Bayer-Konzern aus Leverkusen an Fiedlers Bonner Bürotür. Ob er als bekannter Arzt nicht Interesse an einem Posten im Aufsichtsrat habe  ... Fiedler hatte nicht.

Was ihn 30 Jahre später noch immer schmerzt, ist die mangelnde Würdigung für den„Fulltime-Job“, den die Abgeordneten damals leisteten. Mancher habe sich nach der Rückkehr aus Bonn auch gleich an die Schlange vorm heimischen Arbeitsamt anstellen müssen. „Ich denke nicht an große Gelder, aber eine gewisse Anerkennung hätte möglich sein sollen.“

Der alte CDU-Kämpe Walter Fiedler ist heute kein Parteimitglied mehr – Ergebnis der Verwerfungen des für ihn frevelhaften Wahlfälschungsskandals um diverse Stendaler Spitzenleute der CDU. Fiedler macht als Unabhängiger weiter Politik. Und siehe da: Als solcher erhielt er bei der Kommunalwahl in Seehausen im Vorjahr 25 Prozent der Stimmen. Es waren die meisten von allen Kandidaten.