Ballett Wegdrängen, Eilen, Stürzen
Einmalige Aufführung von „Sehnsucht nach dem Ungewissen“ im Kreuzgang des Halberstädter Doms.
Halberstadt l Hochleistungskörper auf der Bühne. Aus Brasilien, Frankreich, Japan, Spanien und anderen Ländern nach Halberstadt verschlagen. Multikulti im Harz. Was kann das kleine Ballettensemble des Nordharzer Städtebundtheaters den Zuschauern geben? Was können die vier Damen und vier Herren mit Kunst bewirken?
Ballettmeister Can Arslan legte wohl seine bisher ehrlichste und intensivste Choreographie in Halberstadt vor. „Sehnsucht nach dem Ungewissen“ nannte er die einmalige Aufführung am Freitag im Kreuzgang des Doms „St. Stephanus“ mit Choreographien der Tänzer Masami Fukushima, Jaume Bonnin und von ihm selbst.
Die Hochleistungskörper zeigen erste Gebrauchsspuren. Sie sind geschunden und trainiert, mit Sprüngen, Drehungen und Verdrehungen. Sie zeigen Menschenleben in tänzerischen Bildern voll Expressivität.
Arslan kennt seine Bibel. Er ist mit dem christlichen Stoff und seiner Ikonographie ebenso verwoben wie mit der Musik des Esten Arvo Pärt und der US-Amerikaner James Newton Howard und Philip Glass. Keine Dekoration, nur ein Tanzteppich auf dem kargen Podest. Zu Beginn sind die Tänzer fast nackt. Sie liegen und winden sich die ersten Pärt-Takte als amorphe Masse auf der Bühne, bevor sie sich zur Jakobsleiter formieren, aufsteigen und fallen. Der paradiesische Apfel kommt ins Spiel. Menschliches Zusammenwirken. Alles fließt. Ob als Solist, als Paar, ob in der Gruppe. Es ist Tasten, Suchen, Finden, Wegdrängen, Eilen, Stürzen. Es sind die Rituale der Männer wie die der Frauen. Ein ungeheuer dichtes Ensemblespiel.
„Wir verlieren den Kontakt zu unserer Seele, nie haben wir Zeit für uns selbst oder für andere“, bekannte der Ballettmeister. „Dabei erfinden wir dauernd Maschinen, die uns die Arbeit erleichtern sollen. Doch anstatt entspannt miteinander Zeit zu verbringen, rennen alle nur noch hektisch hin und her, denken an Materielles und vergessen das Wichtigste im Leben – die Menschen.“ Die Musik ist unruhig, hetzend, motorisch treibend. Selten ist ein Innehalten.
Nach einer Stunde entlässt Arslan die Zuschauer – verstört und nachdenklich über sich und den eigenen Lebensentwurf. „Sehnsucht nach dem Ungewissen“ zeigt sehr nachdrücklich, was die Hochleistungskörper zu sagen haben. „Ob Adams Apfel oder der auf dem Smartphone – es ist die materialistische Falle, in der wir sitzen, welches Gesicht die auch immer hat“, sagt Can Arslan. Hoffentlich wird diese Inszenierung als Kammertanzabend in den Spielplan 2016/17 übernommen. Es ist eine großartige Aufführung!