Moskau (dpa) - Eigentlich soll der Rodelberg beim Roten Platz in Moskau eine der Hauptattraktionen zu den Festtagen am Jahresende sein. 7 Meter hoch, 100 Meter lang - angeblich ist es der größte künstliche Rodelberg Russlands.

Doch eine unerwartete Dezember-Hitze (Moskowski Komsomolez) hat den an Kälte gewöhnten Moskauern einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.

Liebe Gäste! Der Hügel ist wegen der anomalen Wetterbedingungen geschlossen, heißt es seit Tagen auf einem provisorischen Schild vor der Winterattraktion. Warmer Regen und Temperaturen von bis zu zehn Grad Celsius haben den Rodelberg auf ein trauriges, in Plastikplane gehülltes hölzernes Gerippe ohne Schnee und Eis schmelzen lassen.

Sechs Tage in Folge brechen in der sonst so frosterprobten russischen Metropole alle Wärmerekorde. 8,5 Grad haben die Behörden der Hauptstadt etwa am Donnerstag gemessen, fast 4 Grad mehr als der bisherige Höchstwert für einen 24. Dezember.

Ausgelöst durch warme atlantische Luft hat vom 20. bis 25. Dezember jeder Tag einen historischen Rekordmesswert gebracht. Am 26. Dezember klettert das Thermometer immerhin noch einmal auf die bisherige Höchsttemperatur von 3,6 Grad. Zwar sind Meteorologen überzeugt, dass das ungewohnt warme Wetter nun zu Ende geht. Doch die Boulevardzeitung Komsomolskaja Prawda stellt fest: So ein Dezember-Wetter gab es in 135 Jahren Aufzeichnung noch nicht.

Das ist kein Winter, schimpft auch die 58-jährige Tatjana. Neujahr ohne Schnee wäre traurig, klagt sie beim Spaziergang in einem Park.

Neujahr ohne Schnee? Für viele Moskauer kaum vorstellbar. Zum Jahreswechsel begehen die Russen ihr traditionelles Familienfest - so wie in Deutschland Weihnachten gefeiert wird - mit Tannenbaum und Geschenken. Schnee auf Dächern und Straßen gehört ebenso dazu wie die wohlige Frische von Frost in der Abendluft.

Dem versuchen Internetportale Abhilfe zu schaffen: m24.ru etwa hat allerlei Ratschläge parat, wie man mit Ölen und der passenden Musik die Sinne betören kann, um den ausbleibenden Schnee zu ersetzen.

Aber nicht alles lässt sich einfach austauschen. Die Temperaturen wie sonst im Oktober oder Ende März bringen das Konzept eines mit öffentlichen Mitteln geförderten Wintervergnügens ins Wanken. Wie der künstliche Rodelberg im Stadtzentrum, so sind zahlreiche Attraktionen wegen Wärme tagelang geschlossen.

In den großen Parks haben sich Eisflächen zum Schlittschuhlaufen in weitläufige Pfützen verwandelt. Im beliebten Gorki-Park, wo ganze Wege im Winter zu künstlichen Eisflächen werden, soll das Schlittschuhvergnügen voraussichtlich an diesem Dienstag wieder starten, wie die Parkleitung mitteilt.

Auch die Eröffnung eines mit Spannung erwarteten Eisstädtchens mit Miniatur-Kreml und anderen Nachbildungen repräsentativer Bauten im Moskauer Siegespark hat sich wegen der atlantischen Wärme verzögert. Die liebevoll vorbereiteten Kunstwerke würden in speziellen Zelten vor der Wärme bewahrt, sagt der Bildhauer Pawel Mylnikow der Zeitung Rossijskaja Gaseta. Es bestand die Gefahr, dass von unseren Werken nichts mehr übrig bleibt, sagt er.

Dass auch so mancher prominente Funktionär nicht so recht weiß, wie er die unerwarteten Frühlingstemperaturen dem Volk verkaufen soll, demonstriert anschaulich Parlamentspräsident Sergej Naryschkin. Es wird auf jeden Fall Schnee geben, glauben Sie mir, betont er in freudiger Erwartung seines eigenen Winterurlaubs. Ich werde auf jeden Fall im Moskauer Umland Skilaufen gehen.

Bislang dürfte der Schnee dafür nicht ausreichen. Aber auf lange Sicht könnte Naryschkin recht haben. Schon am Sonntag wurde es etwas kälter. Für Anfang Januar erwartet die Meteorologin Tatjana Posdnjakowa einen Temperatursturz auf bis zu minus 15 Grad. Ein beliebtes Zitat aus einem russischen Film-Klassiker weiß: Die Natur kennt kein schlechtes Wetter.