Burg l „Das liegt dort“, flüstert Emmanuel Akuma Kalu vor sich hin. Der 27-Jährige greift ein Wickelfalzrohr aus der unteren Etage eines riesigen Regals, prüft, scannt und verstaut es. Der Steckverbinder einige Meter weiter ist auch schnell gefunden. Wahrscheinlich müssen dort bald Teile neu geordert werden. Weiter geht es, schon die erste Liste des Tages ist umfangreich. Mindestens 25.000 Artikel befinden sich in der Halle, die 350 Meter lang und 50 Meter breit ist. Der Nigerianer wird bei einem Burger Großhändler für Sanitär, Heizung und Klima zum Fachlageristen ausgebildet. Eine Extrawurst soll es für den jungen Familienvater nicht geben.

Herkunft nicht entscheidend

„Wir wachsen und brauchen weitere leistungsfähige Mitarbeiter. In vielen Branchen herrscht Mangel an Fachkräften, wir halten dagegen. Wir fragen nicht danach, woher die Leute kommen, jedenfalls ist das nicht das entscheidende Kriterium“, sagt Edwin Bauermann-Roos, Geschäftsführer der Firma Wiedemann. Integration sei ein großes Wort, aber nicht allein sein Ansatz und der des Unternehmens. „Integrieren tun wir doch generell Menschen, indem wir ihnen Arbeit und eine Zukunft geben. Es geht uns um Fachwissen, soziale Kompetenz, Verantwortung und noch einmal: Leistung.“ Der Afrikaner bringe bereits einiges mit und könnte in dem mittelständischen Unternehmen seinen Weg machen.

Kalu lebt seit elf Jahren in Deutschland. Als Junge hat er mit der Familie vor allem in der Landwirtschaft gearbeitet. Nigeria sei politisch und wirtschaftlich zerrissen, kein gutes Pflaster für junge Leute. „Das Land gibt einem nicht die Möglichkeiten, es ist sehr schwierig, dort ein sicheres Leben zu führen.“ Deutsch geht ihm einigermaßen leicht von den Lippen, Englisch und Französisch beherrscht er fast fließend. Der Nigerianer hat Deutschkurse belegt, die Waldorfschule in Magdeburg besucht und den Hauptschulabschluss in der Tasche. Kalu befindet sich im Asylverfahren und hat eine Aufenthaltsgestattung. Am liebste würde er für immer in Deutschland bleiben.

Fachklasse in Stendal zu weit weg

Seine Frau, eine Angolanerin, studiert Sport und Sprachen. Die zwei Söhne sind ihr gemeinsamer Stolz. Kalu ist noch in Magdeburg untergebracht, die Familie wohnt bereits in Burg. Alle zwei Wochen muss der Nigerianer für fünf Tage nach Stendal zur Berufsschule. Er pendelt hin und her, täglich, der Kinder wegen. Das kostet Zeit, Nerven und auch Geld, ein Viertel der Vergütung geht dafür drauf. Thomas Lalla, Lagerleiter und Ausbilder: „Dass Auszubildende 60 Kilometer und weiter in die Altmark fahren müssen, ist ein Unding. Eine Fachklasse in Burg würde Sinn machen, der Bedarf im Jerichower Land ist vorhanden.“

Kalu erzählt von seinem steinigen Weg ins Berufsleben. „Es war richtig schwierig. Vier Jahre habe ich nach einer Ausbildung gesucht und am Ende mehr als 50 Bewerbungen geschrieben.“ Alle vergebens. Schließlich stößt er im Internet auf das Unternehmen in der Kreisstadt, ein Glücksfall. „Er hat sich ganz normal beworben und hat das ganz normale Auswahlverfahren durchlaufen. Es gab ein Bewerbungsgespräch und anderes mehr, er musste sich durchsetzen und hat nichts geschenkt bekommen“, will Prokurist Thomas Friedhoff im Gespräch mit der Volksstimme unterstrichen wissen. Insgesamt sind vier Flüchtlinge in dem Burger Unternehmen tätig. Ein Syrer arbeitet im Luftkanalbau, ein zweiter im Lager neben Kalu, dazu ein Praktikant aus Afghanistan.

Im Sommer nächsten Jahres endet Kalus Ausbildung. Für Birgit Kania, Vertreterin des Bildungsträgers Stiftung Bildung und Handwerk (SBH), hört sich das bereits nach einer Erfolgsgeschichte an, wobei der Nigerianer nicht zu den eigenen Schützlingen gehört. Dafür aber der Praktikant und einer der anderen Kollegen mit Arbeitsvertrag. Einen weiteren Praktikanten würde sie gern in dem Unternehmen unterbringen. Die Firma Wiedemann sei ein Vorreiter in Sachen Integration. „Als vor drei Jahren verstärkt Geflüchtete zu uns kamen, standen wir alle vor neuen Herausforderungen.“ Die Menschen seien oftmals ohne Ausbildung. „Praktika sind umso wichtiger.“

Weitere Firmen willkommen

Allein schon die SBH betreue dieser Tage mindestens 30 Flüchtlinge. Sie kommen nicht zuletzt aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und Somalia. Zwischen 15 und 20 Firmen in Burg und Umgebung kämen als Partner infrage, das Interesse sei eher gering. „Wir wünschen uns natürlich, dass das Beispiel Wiedemann Schule macht. Es gibt Arbeitskreise und weitere Gremien im Jerichower Lands, die Integrationskoordinatorin des Landkreises. Die administrativen Voraussetzungen sind gegeben“, erläutert Kania gegenüber der Volksstimme.

Kalu ist bereits wieder unterwegs. Die Arbeitstage sind gut gefüllt, die Herausforderungen groß. Um die richtigen Dinge für die Bestellungen der Kunden zusammentragen, Artikeln ihren Platz zuzuordnen, Teile gegebenenfalls neu zu ordern und all die anderen Aufgaben erfüllen zu können, muss er die spezielle Computertechnik beherrschen. „Das kann der junge Mann schon ganz gut, und er lernt weiter bereitwillig dazu“, lobt Ausbilder Lalla. Das Unternehmen hat in der Region mehr als 300 Mitarbeiter, bundesweit mindestens 1300. Der Nigerianer Kalu ist einer davon.