Ausstellung

Seltene Zeitzeugen in DDR-Schulheften: Theologische Hochschulbibliothek zeigt Aquarelle vom Friedensau vor 50 Jahren

Friedensau ist wohl einer der idyllischsten Orte der Einheitsgemeinde Möckern. Wie der Ort vor etwa 50 Jahren aussah, zeigt derzeit eine Ausstellung in der Bibliothek der Theologischen Hochschule.

Von Stephen Zechendorf 13.07.2021, 00:00
Johannes Hartlapp hielt einen Vortrag über das frühere Friedensau. Der ehemalige Dozent der Theologischen Hochschule verbrachte hier seine Kindheit und konnte angesichts der Aquarelle in Kindheitserinnerungen schwelgen.
Johannes Hartlapp hielt einen Vortrag über das frühere Friedensau. Der ehemalige Dozent der Theologischen Hochschule verbrachte hier seine Kindheit und konnte angesichts der Aquarelle in Kindheitserinnerungen schwelgen. Foto: Stephen Zechendorf

Friedensau - Johannes Hartlapp, langjähriger Dozent an der Hochschule, kam ins Schwärmen angesichts der Bilder, die derzeit im Eingangsbereich der Bibliothek Friedensau zu sehen sind. Die „Seufzerbrücke“ an der Ihle, das alte Holzhaus, das längst abgerissen wurde, das „Beamtenhaus“, das heute nicht mehr so heißt, aber immer noch steht...

Hartlapp kennt das alles noch von früher, er ist hier groß geworden. Vor Kurzem hielt er einen öffentlichen Vortrag über die in der Ausstellung gezeigten Bilder. Als Insider weiß er natürlich, warum die Seufzerbrücke damals so genannt wurde. „Die Grenze von Friedensau war damals eingeschlossen. Erst von einem Holzzaun, 1945 war es dann ein 2,5 Meter hoher Zaun der sowjetischen Truppen. Keiner durfte rein und raus. Es gab aber einen Weg bis zum Wald, den man gehen durfte. Er endete an der Seufzerbrücke“, berichtet Johannes Hartlapp.

Grund zum Seufzen gab es genug: Damals war es Personen unterschiedlichen Geschlechts nicht gestattet, alleine diesen Weg zu gehen, nur in Gruppen, so Hartlapp: „Am Ende seufzte man, wenn man umdrehen musste.“

Keiner durfte rein oder raus

Hartlapp weiß auch noch, wo sich bei Pabsdorf der Kleinbahnhof befand: „Heute sehen Sie davon nichts mehr, berichtet er den Gästen des Vortrags, währen das Bild eines kleinen Bahnhofshäuschens auf dem Bildschirm zu sehen ist.

Und wahrscheinlich ist Johannes Hartlapp damals zusammen mit einem gewissen Karl-Hermann Leukert und all den anderen Kindern durch die Wälder rund um Friedensau gezogen.

Karl-Hermann Leukert ist es zu verdanken, dass die Bilder nun hier hängen. Er ist der Sohn von Karl Leukert, der seine Friedensauer Ansichten vor über 50 Jahren in nicht weniger als zwölf Schulheften festgehalten hat.

Bilder von Friedensau und der Umgebung

Der Lübecker Lehrer Karl Leukert verbrachte in den 1950er bis 1970er Jahren mit seiner Familie regelmäßig in den Sommermonaten seinen Urlaub in Friedensau. Der Schwiegervater, Hermann Kobs, war hier zu jener Zeit Lehrer. Den „Rabbi“ nannte man ihn, weiß Johannes Hartlapp zu berichten.

In jenen Sommermonaten entstanden die Bilder vom Ort und der Umgebung. „Mein Vater verzichtete auf teures Aquarellpapier, ihm reichten die damals in der DDR zu kaufenden Schulhefte“, sagt des Malers Sohn Karl-Hermann. Inzwischen fasst er die alten Hefte mit Samthandschuhen an.

Scheinbar willkürlich skizzierte der Hobbymaler damals sein Motiv, setzte farbige Wasserkleckse hier und da - der Sohnemann hockte oft staunend dabei. „Nicht immer war klar, was aus den schnellen Strichen und Tupfern mal werden sollte“, beschreibt er es.

Band mit 110 ganzseitigen Aquarellen

„Wenn ich meinte, dass er mal langsam an den Verkauf denken sollte, hat er nur gelacht. Das ist nichts wert, das mache ich nur für mich.“

Inzwischen sind es Zeitzeugen, die schon so manchen Friedensauer in die kleine Ausstellung gelockt haben.

Darüber hinaus hat Sohn Karl-Hermann vor wenigen Monaten aus einer Auswahl der Aquarelle ein Buch drucken lassen. Es sind in diesem Band 110 ganzseitige Aquarelle zu finden, die mit einem ergänzenden Text bis in die 1970er Jahre führen.

Auch Ansichten von anderen Dörfern

Zu sehen sind nicht nur Friedensauer Ansichten, sondern auch andere Dörfer und Städte: die „Ihlewiese vor Lüttgenziatz“, der Ihlekanal in Burg oder die „Hainichensteine hinter Hohenziatz“, der Magdeburger Dom.

Die in der Hochschulbibliothek gezeigten Bilder sind keine echten Aquarelle. Karl-Hermann Leukert hat sie als Foto vergrößert auf Leinwand ziehen lassen. Die Bilder sind noch bis Ende September in der Friedensauer Hochschulbibliothek ausgestellt, danach sollen sie als Geschenk im Besitz der Hochschule verbleiben.

Der Eintritt zu der Ausstellung in der Bibliothek, Ahornstraße 3, ist frei.

Der Sohn des Malers Karl-Hermann Leukert zeigte in Friedensau die originalen Schulhefte seines Vaters.
Der Sohn des Malers Karl-Hermann Leukert zeigte in Friedensau die originalen Schulhefte seines Vaters.
Foto: St. Zechendorf
Das Beamtenhaus in Friedensau und das inzwischen abgerissene Holzhaus. Leukert hält die Erinnerung daran lebendig.
Das Beamtenhaus in Friedensau und das inzwischen abgerissene Holzhaus. Leukert hält die Erinnerung daran lebendig.
Repro: St. Zechendorf
Sah sich als Hobbymaler: Karl Leukert.
Sah sich als Hobbymaler: Karl Leukert.
Foto: Karl-Hermann Leukert