Burg/Genthin l „Die Gruppe der Hausärzte ist auf die Fläche gesehen die größte Ärztegruppe, aber auch die Gruppe, die den größten Nachwuchsmangel hat“ – Dr. Jörg Böhme praktiziert seit 1998 als Hausarzt in Stendal. Mit seinen 51 Jahren liegt er ziemlich genau im Altersdurchschnitt der Mitglieder der Ärztekammer Sachsen-Anhalt. Dort ist Dr. Böhme Mitglied des Vorstands. Und er ist Teil des Problems.

Von den insgesamt 12.574 Mitgliedern der Ärztekammer sind 56 Prozent älter als 50 Jahre. Von dieser Altersgruppe sind nochmal 60 Prozent älter als 59 Jahre. Viele davon werden in den nächsten Jahren das Renteneintrittsalter erreichen.

Großer Teil bald im Rentenalter

Analog zu den immer älter werdenden Medizinern trifft der demografische Wandel auch die Patienten. „Die jüngeren Patienten, die durchschnittlich eher fitter sind, ziehen weg. Dafür behandeln die Ärzte in ländlichen Regionen mehr Patienten mit behandlungsintensiveren Krankheiten“, so Dr. Böhme.

Gleichzeitig fehle es an Nachwuchs, so Böhme. Die Mitgliederanzahl in der Ärztekammer steigt seit 1995 beinah konstant. Es muss ihn also geben, den medizinischen Nachwuchs – nur, wo? Und viel wichtiger: Wo nicht?

Standort ist entscheidend

Denn der Standort einer Arztpraxis ist entscheidend, gerade in Regionen wie dem Jerichower Land. Wie viele Ärzte einen Sitz in der Region innehaben, hängt von der Art des Arztes ab: Ein Facharzt wie ein Psychotherapeut hat einen anderen Verteilungsschlüssel als ein Hausarzt. Für die „gesonderte fachärztliche Versorgung“ etwa durch Onkologen wird der Raum um die Region Magdeburg herangezogen. „Die hausärztliche Versorgung wird in sehr kleinräumigen Bereichen geplant, da die Hausärzte möglichst wohnortnah für die Bevölkerung erreichbar sein sollen“, heißt es im Falle der Hausärzte in der Bedarfsplanung.

Nur: „Wohnortnah“ und „erreichbar“ sind dehnbare Begriffe. Der klassische Dorfarzt – er ist beinah ausgestorben. Wer in Krüssau erkrankt, findet einen der nächsten Hausärzte erst im 13 Kilometer entfernten Tuchheim. Die Ortschaft gehört zum 16 Kilometer entfernten „Mittelbereich“ Genthin. Diese von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KVB) erfassten Mittelbereiche gehören zu den Parametern, die die Anzahl der Hausärzte pro Einwohner mitbestimmen. Derzeit fehlt laut KV in Genthin ein Hausarzt, in Burg wird der Bedarf nur zu 66 Prozent abgedeckt.

Dorfarzt ist Auslaufmodell

Grundsätzlich scheint das Jerichower Land hinsichtlich der gesamten medizinischen Versorgung gut aufgestellt. Abgesehen von den Defiziten bei den Hausärzten ist die Region fachärztlich teilweise überversorgt. Mit Blick auf die geografische Verteilung der Ärzte krankt dieses Bild jedoch. 47 Haus- und Fachärzte versorgen die Stadt Burg, Genthin wartet mit 34 Ärzten auf – fast die Hälfte aller 178 praktizierenden Ärzte im ganzen Landkreis, laut KV Sachsen-Anhalt.

Kaum rentabel

Diese stuft das Jerichower Land als einen Landkreis der Kategorie Drei ein: „stark mitversorgt“ – die Kernstadt bedient einen großen Teil der Patienten im ländlichen Speckgürtel. Ein Grund dafür sei die nicht tragbare Finanzierung von Praxen auf dem Land, so schreibt es die KV. Diese Problematik kennt auch Dr. Jörg Böhme: „Ob man jetzt 200 Patienten hat oder 1000 Patienten – die Kosten für Geräte, Hygienemaßnahmen und alle weiteren notwendigen Dinge bleiben.“ Eigenständige Praxen auf dem Land rentierten sich kaum.

Gewisse Ansprüche

Ein weiterer Faktor für den fehlenden Nachwuchs seien auch die sogenannten „weichen Standortfaktoren“. „Wenn es keine Kindergärten, keine Schulen gibt, dann wollen die Absolventen sich auch oft nicht niederlassen. Wenn man eine Familie hat oder gründen will, dann hat man ja auch gewisse Ansprüche“, so Dr. Böhme. Die abgelegenen ländlichen Umgebungen mit ihren häufig schwachen Infrastrukturen seien für junge Leute einfach nicht attraktiv. Und für ältere, erkrankte Menschen sind die Kleinstädte teils weit entfernt.

"Landarztquote"

Dieses Problem zieht sich auch auf gesundheitlicher Ebene durch die Region. „Auf dem Land konzentrieren sich die kränkeren Patienten, aber gerade dort haben wir kaum Ärzte.“ Für Dr. Jörg Böhme sollte die Finanzierung für Ärzte dieser Entwicklung angepasst werden. Mehr Geld für Regionen wie das ländliche Sachsen-Anhalt, das unter dem demografischen Wandel leidet, nicht nur im Bereich der ärztlichen Versorgung. Denn das strukturelle Problem ist nicht neu – demografischer Wandel, strukturschwache Regionen, die Landflucht der jungen Generation. Die Strategien, die die Kassenärztliche Vereinigung und die Landesregierung aufgrund dieser Entwicklung planen, hingegen schon – zumindest teilweise. Eine „Landarztquote“ soll bis zu 20 Medizinstudenten dazu verpflichten, sich für mehrere Jahre in der Region niederzulassen. Die Quote ist ein Teilaspekt des „Masterplan 2020 Medizinstudium“. Erste Planungen fanden schon hinter verschlossenen Ministeriums-türen in 2015 statt.

Dennoch ist dies vor allem eine langfristige Lösung. Tritt der Plan 2020 in Kraft, beenden die ersten Studienanfänger, die sich zum Einsatz auf dem Land verpflichtet haben, frühestens 2031 ihre Ausbildung.