Gardelegen l „Der Schlüsselkorb ist das beste Beispiel, wie ein Wohngebiet innerhalb von 43 Jahren ständig ein anderes Gesicht bekommt“, sagte Henri Schulz, Geschäftsführer der Gardeleger Wohnungsgenossenschaft (WGG), beim zweiten Gardeleger Stadtspaziergang im Stadtumbau-Ost-Quartier Schlüsselkorb. 1975 sei der Grundstein für den ersten Plattenbau gelegt worden. 1977 konnten die ersten Mieter einziehen. Auf dem einstigen Gartenlandgelände wurde sozialistischer Wohnungsbau praktiziert. Nach der Wende hatte das Gebiet schon fast Gettocharakter mit einem sehr hohen Leerstand. Wer konnte, zog aus den Plattenbauten aus. Die WGG habe daraufhin zahlreiche Wohnungen „vom Markt genommen“, so Schulz. Von einst 574 Wohnungen seien es heute noch 190 Wohnungen, die die WGG bewirtschafte. Dazu gehören drei Standorte an der Straße der Befreiung und ein Standort an der Otto-Nuschke-Straße 15-23. Der Wohnungsbestand soll noch weiter reduziert werden. In der Straße der Befreiung seien bereits 52 Wohnungen stillgelegt, in der Nuschke-Straße 16 Wohnungen, jeweils in den oberen Etagen. Geplant sei, die abzureißen. Einen Termin dafür gebe es allerdings noch nicht. Alle anderen Wohnungen seien saniert. Für den Abriss habe die WGG Stadtumbau-Ost-Fördermittel der Stadt nutzen können.

„Niemand weiß, wohin die Reise geht“, so Schulz. Vor Jahren noch hatte die Stadt Gardelegen noch rund 13. 000 Einwohner, heute seien es nur noch etwa 10.000 Einwohner. Wie sich der Wohnungsmarkt und der Bedarf entwickelt, könne niemand vorhersehen. Aber insgesamt habe sich der Schlüsselkorb zu einem attraktiven Wohnort entwickelt. Die Grundstücke, wo einst WGG-Blöcke standen, seien verkauft worden. Auf einem Grundstück befindet sich heute der neue Penny-Markt. Auf einem weiteren Grundstück entsteht derzeit eine seniorengerechte Wohnanlage. Das gegenüberliegende Grundstück soll mit Eigenheimen bebaut werden. Baubeginn soll in Kürze sein, informierte Stadt-Bauamtsleiter Engelhard Behrends die zahlreichen Teilnehmer des Stadtspazierganges. Nur noch ein Grundstück sei frei.

Gardeleger WGG mit noch 190 Wohnungen

Die WGG habe ein Grundstück auch an die Gardeleger Wohnungsbaugesellschaft verkauft. Einst stand dort der Block Straße der Republik 1-5. Die Wobau lege dort Parkflächen für die Mieter unter anderem des aufwändig sanierten Blockes Straße der Freundschaft 10-12 an.

Die Wobau habe im Schlüsselkorb eine ganz andere Strategie verfolgt, erläuterte Geschäftsführer Wolfgang Oelze.Ein Abriss in Größenordnungen sei kein Thema gewesen. Lediglich 30 Wohnungen seien vom Markt genommen worden durch den Abriss von oberen Etagen. Aktuell bewirtschafte die Wobau noch 436 Wohnungen im Schlüsselkorb. „Wir haben unsere Blöcke von Anfang an konsequent saniert“, so Oelze. Ein Paradebeispiel sei die Straße der Freundschaft 10-12, ein Pilotprojekt des Landes für demografisches Bauen. Stehen geblieben seien nur die verschweißten Stahlbetonplatten, quasi die äußere Hülle der einstigen „Arbeiterschließfächer“. Ansonsten sei alles komplett neu. Wohnungszuschnitte wurden geändert, so dass in den oberen Etagen größere Wohnungen angeboten werden können, alle barrierearm. Im Mittelpunkt der Sanierung habe der Einbau von Aufzügen gestanden. Alle Wohnungen seien bereits vermietet. Bevor im Eingang Nummer 12 die Mieter einziehen, soll voraussichtlich Anfang des nächsten Jahres ein Tag der offenen Tür stattfinden. Damit habe die Bevölkerung die Möglichkeit, sich dieses Pilotprojekt anzuschauen.

Planungen sollen im September vorliegen

Die Wobau plane, weitere Wohnblöcke mit Aufzügen auszustatten. Dafür soll ein Aufzugsförderprogramm des Landes genutzt werden. Mit Aufzügen ausgestattet werden die Gartenstraße 5, 7, 9 und 11. Die ersten Arbeiten sollen noch in diesem Jahr beginnen. Für diese Blöcke hat die Wobau 400.000 Euro Fördergeld erhalten. Eine Mieterversammlung habe dazu schon stattgefunden. Weitere Wohnblöcke sollen folgen, unter anderem sollen die Blöcke Gartenstraße 13-25 mit Fahrstühlen ausgerüstet werden.

Hintergrund der Gardeleger Stadtspaziergänge ist die Fortschreibung des Integrierten Gemeindlichen Entwicklungskonzeptes, kurz IGEK, um Planungsziele unter anderem in den Stadtumbau-Ost-Quartieren für die nächsten Jahre abzustecken. Die Stadtverwaltung hat damit das Büro für Siedlungserneuerung Dessau, das Gardeleger Stadtumbau-Ost-Projekte schon seit Anfang der 2000-er Jahre begleitet, beauftragt. Denn laut einer Verwaltungsvereinbarung zur Städtebauförderung zwischen Bund und Bundesländern seien die Planungskonzepte regelmäßig zu aktualisieren. Bis Ende Oktober müssten die Unterlagen – vom Stadtrat bestätigt – vorliegen, um weiterhin Fördermittel zu erhalten. Bei den Spaziergängen sollten Bürger die Möglichkeit erhalten, sich dabei einzubringen. Und da Resonanz und Interesse sehr groß waren, sollen weitere Stadtspaziergänge folgen, kündigte Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Zepig an.