Genthin/Berlin l Die Veranstaltungsbranche stöhnt unter dem Corona-Lockdown und befürchtet, dass es über Monate keine Veranstaltungen in Deutschland geben wird. „Anders als alle anderen Teile des wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Lebens in Deutschland ist die Veranstaltungsbranche seit bald zwölf Monaten im totalen Lockdown“, macht Sandra Beckmann, Mitinitiatorin des Aktionsbündnisses „Alarmstufe Rot“ in einer Presse- information deutlich.

Die Branche sei ins „künstliche Koma“ versetzt worden, Existenzen seien gefährdet. Das Bündnis sieht sich als Vertretung der Kultur- und Eventbranche. Problem sei, dass die Hilfsprogramme nicht ankommen, die Auszahlung der sogenannten Novemberhilfen der Bundesregierung liefe nur schleppend. Ungewollt werde die Branche von der Regierung zum letzten Mittel gezwungen und erwäge nun eine Klage.

„Eine Prozesswelle ist der einzige verbliebene Schritt, um 100.000 Betriebe und eine Million Beschäftigte zu retten“, erklärt Sandra Beckmann.

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Erfolg der Klage unklar

Ob eine solche Klage Aussicht auf Erfolg hat oder in erster Linde auf die Nöte der Branche aufmerksam macht, ist im Moment unklar. Bereits im vergangenen Sommer hatte das Bündnis mit einer spektakulären Aktion auf sich aufmerksam gemacht und gemeinsam mit Veranstaltern markante Gebäude quer durch Deutschland rot anleuchten lassen. Damit sollte gezeigt werden, dass die Zeichen der Branche auf „Rot“ stehen. Mit dabei war in Genthin seinerzeit das Team des Genthiner Veranstaltungsservice (GVS). Auch dort ist man kritisch: „Ich sehe das so, dass wir seit Monaten im Stich gelassen werden, alle Mühen und Kosten, die wir auf uns genommen haben, um Hygienekonzepte für Veranstaltungen umzusetzen, stehen in keinem Verhältnis zu unseren Möglichkeiten“, findet Yvonne Wilke, Inhaberin von GVS.

Für sie muss der Druck auf die Politik erhöht werden, denn Großkonzerne etwa der Touristikbranche seien umfänglich unterstützt worden. „Man kann sich nur immer wieder ins Gedächtnis der Politik bringen und immer weiter machen“, findet Yvonne Wilke. Denn das Problem sei, dass viele Kulturschaffende laufende Kosten hätten, etwa für Steuerberater, Finanzamt, Versicherungen, aber eben derzeit keine Einnahmen.

„Wir hoffen hier immer auf einen Deal mit den Firmen, um die Zahlungen zu verschieben, weil wir immer noch hoffen, es wird irgendwann besser. Aber das ist ja nur eine Verschiebung der Kosten. Das muss erst einmal wieder eingespielt werden.“ So wie dem GVS geht es derzeit vielen in der Branche. Besonders ärgerlich: Die Nachfrage ist vorhanden, viele Kulturakteure würden gern Veranstaltungen anbieten. „Wir haben Termine, Anfragen für dieses und nächstes Jahr, der Kalender ist voll.“ Jedoch würde die Planung immer weiter aufgeschoben. Bedeutet: Wann wirklich wieder Geld reinkommt, ist noch ungewiss.

Etwas zurückhaltend, was eine eventuelle Klage angeht, ist der Genthiner Veranstalter und Tourmanager Dirk Ballarin: „Eine Klage ist schon eine harte Maßnahme, ob das wirklich der richtige Weg ist, bleibt fraglich.“ Betrachte man die Problematik nach dem Verursacherprinzip, könnte es sein, dass die Gerichte die Klage abweisen würden. „Letztlich will die Regierung mit einem Lockdown die Bevölkerung und damit Menschenleben schützen. Das ist eine offensichtlich notwendige Reaktion auf das Corona-Problem.“ Ballarin verweist auf die Zahlen mit mehr als 65 000 Toten in Deutschland und rund 117  000 Toten in Großbritannien. „Die Situation ist ernst, da sind Freizeitangebote wie zum Beispiel die Durchführung von Konzerten keine guten Argumente, trotzdem würde jeder Euro der Veranstaltungsbranche helfen weiter durchzuhalten.“

Branche im Umbruch

Denn derzeit sei die Branche im Umbruch und drohe nach dem Jahr 2020 nunmehr noch ein Jahresgehalt zu verlieren. Das sei schwer zu kompensieren. „Ich kenne mehrere bekannte Musiker, die nun keinen Manager mehr haben und verschiedene Ton- und Lichttechniker, die nun im Gerüstbau oder im sozialen Dienst tätig sind. Die meisten müssen nun neue Wege gehen.“

Die derzeitige Situation zieht immer weitere Kreise. Die Stadt Genthin hat die Verschiebung der 850-Jahr-Feier beschlossen. Auch das hat Auswirkungen auf Beteiligte der Festwoche. In Brandenburg ist es noch nicht sicher, ob das Havelfest nach der Unterbrechung 2020 in diesem Jahr stattfindet. Dort sind bereits rund 1000 Karten verkauft worden, jedoch weiß noch niemand, welche Regelungen zu Abstand und Einlass festgelegt werden. Daher stocken dort die Planungen. Deutlich wird, dass das Veranstaltungsjahr 2021 ebenfalls unsicher sein wird – für Macher wie Besucher.