Wikipedia

Erste Anlaufstelle für Wissensdurstige

Vor 20 Jahren ist die Online-Enzyklopädie Wikipedia an den Start gegangen. Auch Genthin ist dort mit vielen Einträgen vertreten.

Von Susanne Christmann

Genthin l „Genthin ist eine Einheitsgemeinde und Kleinstadt im Landkreis Jerichower Land in Sachsen-Anhalt.“ So nüchtern beginnt im kostenfreien und für alle frei verfügbaren Internet-Lexikon Wikipedia der Eintrag über die Kanalstadt. Mit ein paar Klicks kann jeder, der mag und über eine Internetverbindung samt digitalem Gerät verfügt, mehr oder weniger alles Wissenswerte über Genthin erfahren. Denn keine Stadt ist zu klein, kaum ein Ereignis vermeintlich zu unbedeutend, um nicht von einem der Autoren bei Wikipedia verewigt zu werden.

Ein, zwei Klicks und die Basisdaten liegen als erstes vor einem: Einwohnerzahl (13761), Bevölkerungsdichte (60 Einwohner je Quadratkilometer), Postleitzahlen (39291 für Ringelsdorf und Schopsdorf; 39307 für Genthin, Gladau, Mützel, Paplitz, Parchen und Tucheim), Vorwahlen (03933, 039342, 039346), Fläche (230,73 Quadratkilometer), Kfz-Kennzeichen (JL, BRG, GNT) und auch die genaue Lage der Stadt Genthin innerhalb des Landkreises Jerichower Land auf einer Karte. Das Wissen darum, dass diese Basisdaten sicher erreichbar auf dieser Internetseite liegen und man jederzeit auf sie zugreifen kann, ist für viele heute selbstverständlich. Auch, dass im Prinzip alle Menschen auf der Welt darauf zugreifen können und nichts dafür bezahlen müssen.

Vor zwanzig Jahren aber war das – aus heutiger Sicht betrachtet – eine bahnbrechende Entwicklung. Denn auch die Autoren, die die Beiträge schreiben, verbessern, korrigieren oder erweitern, verdienen damit kein Geld. Auch für das eigene Ansehen tun sie damit nichts, denn die meisten arbeiten unter einem Pseudonym. Nur so ist das möglich, was die Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, ein Unternehmer, und Larry Sanger, ein Philosoph, mit Wikipedia erreichen wollen: die freie Produktion von Wissen – von allen und für alle. Mit dem Wikipedia-Vorgänger, der Online-Enzyklopädie Nupedia, war ihnen das noch nicht gelungen. Erst, als sie auf die neuartige Wiki-Software stießen, mit der es möglich wurde, dass Inhalte von Webseiten nicht nur gelesen, sondern auch bearbeitet werden können, ging ihr Vorhaben auf und voran.

Wikipedia, hinter dem in Deutschland der gemeinnützige Verein Wikimedia steht, lebt von seinen Autoren (finanziell von den jährlichen Spendenaktionen). An dem Übersichtsartikel über Genthin haben bis heute 150 Autoren gearbeitet. Mit 3411 Zeichen hat „Schiwago“ den größten Anteil daran. Sieben Autoren haben aber lediglich mit einem Zeichen an dem Beitrag gearbeitet. Das zeigt, wie verschieden die Autorenschaft bei Wikipedia sein kann. „Manche bessern denselben Grammatikfehler in hunderten Artikeln aus, andere machen Fotos“, sagte Jan Apel von Wikimedia Deutschland im Mai 2019 in einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung. Neue Artikel anzulegen, sei dabei so etwas wie die Königsdisziplin. Für den Einstieg sei es einfacher, mit Aktualisierungen oder Korrekturen anzufangen. Da gibt es auch auf der Genthin-Seite immer noch etwas zu tun. Zum Beispiel, wenn dort unter „Medien“ das Wochenblatt „Der Genthiner“ vermerkt ist, das schon längst nicht mehr existiert. Die Internetportale, die es inzwischen gibt, finden keine Erwähnung, genauso wie der Chemiepark mit seinen Firmen, den man unter dem Stichwort „Ortsansässige Unternehmen“ vergeblich sucht. Unter „Sport“ ist derzeit auch nichts über den größten Sportverein der Stadt, den SV Chemie Genthin, zu finden.

Das Selbstverständnis von Wikipedia zielt im Übrigen auch nicht darauf ab, dass das, was dort steht, immer die allgemeingültige Wahrheit sei. „Man darf sich auf gar nichts hundertprozentig verlassen, was man liest, weder im Netz noch auf Papier“, sagt Jan Apel in dem erwähnten Interview mit der Süddeutschen Zeitung dazu. „Wir wollen Medienkompetenz stärken. Bei uns finden Nutzende Quellenbelege und können weiter recherchieren.“ Wikipedia sei deshalb vor allem eines: eine „wunderbare erste Anlaufstelle“ für Wissensdurstige.

In Bezug auf Genthin wird dieser denn auch in großem Umfang gestillt. Ob man nun etwas über die Persönlichkeiten wissen möchte, die mit der Stadt verbunden waren, oder sind oder über das große Eisenbahnunglück vom 22. Dezember 1939, von dem die Genthiner bis heute immer noch reden. Wikipedia gibt Antwort auf die Frage, wie das Stadtwappen von Genthin aussieht (im roten, goldbordierten Schild die goldgekrönte Gottesmutter im goldenen Gewand mit dem Kind auf dem rechten Arm) und wann Genthin das Marktrecht erlangte (1539). Wer bei Wikipedia Informationen über die St.-Trinitatis-Kirche sucht, wird ebenso fündig wie jene, die genaueres über den Wasserturm wissen wollen. Zum Volkspark aber findet sich nur ein Satz: „Der Volkspark in Altenplathow wurde 1839 von Lenné als Gutspark für den Unternehmer Pieschel geplant.“

Ganz sicher gibt es noch mehr Genthiner als bisher, die die Online-Enzyklopädie mit ihrem Wissen bereichern könnten. Jan Apel von Wikimedia: „Nutzer müssen verstehen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass es uns gibt. Wir brauchen immer wieder Aktive, die ihr Wissen weitergeben wollen.“