Genthin l „Alle meine Kinder werden sich am Muttertag melden“, sagt Ruth Krause vorher. Jede Wette. Telefonisch, persönlich oder mit einem Blumengruß. Egal, ob aus Strausberg, Stendal, Berlin, Heidelberg, Freiburg/Breisgau oder aus Genthin und Umgebung, der morgige Muttertag ruft die komplette XXL-Familie Krause auf den Plan. „Das ist schön zu erleben“, freut sich die 84-Jährige mit ihrem Ehemann Reinhard (86).

Das Telefon steht nicht still

Dass während des Muttertages am laufenden Band die Türklingel schellen und das Telefon bis hinein in die späten Abendstunden keine Ruhe geben wird, ist für sie der ganz normale Lebensrhythmus einer Großfamilie, den sie auch im hohen Alter nicht missen will. Ihre Kinder sind ihr immer nah, egal wie viele Kilometer sie entfernt leben. Ruth Krause nimmt sich zurück und überlässt Ehemann Reinhard (86) das Wort, der als Chef und Patriarch der Familie gesetzt ist. „Wir sind glücklich, dass aus unseren Kindern etwas geworden ist. Alle haben einen Beruf erlernt, und keines ist aus der Art geschlagen“, setzt er eine klare Prämisse.

Ruth, die Frau an seiner Seite, mit der er über 65 Jahre verheiratet ist, stimmt milde ein. „Wenn wir heute beieinander sitzen und darüber sinnieren, wie wir das alles schaffen konnten, finden wir gar keine Antwort mehr darauf.“

30 Enkel und 11 Urenkel

Mit vielen Fotos sind die 18 Kinder – heute zwischen 43 und 66 Jahre alt – in der kleinen, gemütlichen Wohnung ihrer Eltern stets präsent. Ein Kalender im Flur ist übervoll mit Einträgen von Geburtstagen, zu denen der Kinder kommen die der Schwiegerkinder, der 30 Enkel mit ihren Partnern und die der 11 Urenkel. „Eigentlich gibt es bei uns jede Woche einen Grund zum Feiern“, lächelt Ruth Krause. Sie ist eine sanftmütige Frau. Geht es um die Kapriolen und Streiche ihrer Kinder, nennt sie den vermeintlichen Bösewicht nie beim Namen. Geschickt lächelt sie darüber hinweg.

Viel wurde über „Kinder-Krauses“, wie die Familie in Genthin bis heute respektvoll genannt wird, schon zu DDR-Zeiten berichtet. Nicht immer sei alles korrekt gewesen. „Bei 18 Kindern war in Zeitungsberichten der Hang zur Übertreibung mitunter groß“, erinnert sich Ruth Krause. Geträumt hat sie als junge Frau nicht von einer Großfamilie. Im Gegenteil. Zwei Kinder, mehr sah die Familienplanung Anfang der 1950er Jahre nicht vor. Es kam anders.

Freude über jedes Kind

Meist war sie in sehr kurzen Zeitabständen wieder schwanger. „Meine Schwiegermutter war darüber gar nicht begeistert.“ Der Gedanke, was wohl die Leute zu so vielen Kindern sagen, habe sie umgetrieben. Hätte sie sich auch ein ganz anderes Leben als das einer 18-fachen Mutter vorstellen können? „Das ist mein Leben und ein zweites gibt es nunmal nicht“, sagt sie. Zweifel, ob sie das alles mit einem weiteren Kind schaffen würde, hätten sie schon begleitet. „Aber wenn ich mit dem kleinen Würmchen nach Hause kam, war bei allen immer wieder die Freude groß“, erzählt sie mit strahlenden Augen. Ein Rat ihrer Großmutter, die selbst 15 Geschwister hatte, machte sie stark: „Lass man, die kriegst du alle groß, wenn sie gesund bleiben!“

Das Ehepaar Krause hat das taff hinbekommen. Ohne Erziehungsberatung, Schläge oder übertriebene Disziplinierungen, dafür mit dem Prinzip Vorbildwirkung, erzählen sie. „Wir gehen beide respektvoll miteinander um, das hat unsere Kinder und unser Familienleben sehr geprägt. Unsere Kinder haben bis heute untereinander ein sehr gutes Verhältnis, Zank und Streit gibt es nicht“, beteuert das Ehepaar.

Große Unterstützung für Famili

Heute hat Ruth Krause ihren Kindern mit auf den Weg gegeben, sich nicht eine ähnlich große Familie anzutun. „Man ist immer in einem Hamsterrad drin“, versucht Ruth Krause ihr Leben in dauerhafter Pflichterfüllung zu beschreiben. Durch die große Unterstützung, die die XXL-Familie zu DDR-Zeiten bekam, hatten Krauses zwar keine finanziellen Sorgen, doch die tägliche Arbeit und Fürsorge für ihre Kinder konnte Ruth Krause niemand abnehmen.

Früh aufstehen, Kinder wecken, Frühstück, Schnittenschmieren, die Kleinen in den Kindergarten bringen, einkaufen, Mittagessen kochen, Kinder abholen, waschen lange Zeit noch ohne Waschmaschine, bügeln, putzen und so weiter und so weiter ...

„Heute zieht es die jungen Frauen zu Sport und Wellness. Ich war immer mit dem Kinderwagen unterwegs und habe meine Kinder zum Spazieren mit an die frische Luft mitgenommen. Das war damals mein Sport.“ Trotz solcher Erinnerungen ist die 84-Jährige keine Gestrige. Dank der großen Familie sind Reinhard und Ruth Krause immer noch mittendrin im Leben. Und dann liegt da schon wieder eine Einladung zur Hochzeit einer Enkelin auf dem Tisch ...