Halberstadt l Wie kommt man dazu, sowas machen zu wollen? Erstmal muss er lachen, dann sagt Bertram Beier: „Das kann ich nicht beantworten.“ Kann er dann aber doch.

Der Verkaufsleiter des Nordharzer Städtebundtheaters ist ein Tausendsassa, einer, dem seine Arbeit erkennbar Spaß macht. Wobei es scheint, als könne der quirlige Mann gar nicht genug Stress haben. Den bietet ihm seine Arbeit reichlich.

Immerhin ist das Städtebundtheater jedes Jahr zu rund 40 Gastspielen unterwegs, nicht mitgerechnet die Auftritte im Thalenser Bergtheater und die Open-Air-Saison des Orchesters. Da kommen insgesamt locker 100 Termine zusammen, die mit dem aktuellen Spielplan koordiniert werden müssen.

In Gedanken drei Jahre im Voraus planen

„Ich muss immer drei Jahre im Blick haben“, sagt Beier. Manchmal kommen mitten in der aktuellen Spielzeit noch Nachfragen, was das Haus denn bieten könne. Die folgende Spielzeit ist schon zu Beginn der aktuellen ein Thema, um auf der Messe im Herbst das geplante Repertoire interessierten Kommunen anbieten zu können. Und für manche Inszenierungen oder Käufer von Gastspielen ist ein Vorlauf von zwei Jahren notwendig.

Nicht zu vergessen – das Städtebundtheater hat ohnehin zwei Häuser, die auch bespielt werden wollen. Schließlich sollen die Standorte Halberstadt und Quedlinburg nicht da- runter leiden, dass das Theater als Landesbühne die Verpflichtung hat, einen bestimmten Prozentsatz seiner Einnahmen aus Aufführungen außerhalb der eigenen Spielstätten zu erzielen. „Als Landesbühne haben wir den Auftrag, die Fläche zu bespielen“, erklärt Beier.

Zum Glück gibt es Stammkunden wie Bernburg oder das Theater der Altmark in Stendal, auch Itzehoe ist ein treuer Partner. Verhandelt werden muss dennoch auch mit den Stammkunden. Termine sind abzustimmen, Anforderungen an die Technik. Gewünscht sind meist die Wochenendtermine, aber nicht immer kann man allen Wünschen entsprechen. Wollen doch auch die Harzer ihr Theater nicht nur unter der Woche besuchen. „Und das Jahr hat nun mal nur 52 Wochenenden“, sagt Beier.

Aber als Drei-Sparten-Theater geht vieles. Da kann das Ballett unterwegs sein, während das Orchester in Quedlinburg spielt und das Schauspiel in Halberstadt. Deshalb sind Inszenierungen wie aktuell das Ballett „Coppelia“ eher selten, bei der das Ballett live vom Orchester begleitet wird. Und als ob die Koordinierung der Gastspiele nicht schon anspruchsvoll genug wäre, in der Zeit, wo das Große Haus in Halberstadt nicht mit eigenen Stücken bespielt wird, soll es ja auch nicht leerstehen. Also können andere Veranstalter das Haus nutzen – für Schlagershows, Revuen, Kabarett und ähnliches. Auch das muss organisiert, mit der Haustechnik abgestimmt werden.

Werbung stammt aus dem eigenen Haus

Ganz „nebenbei“ kümmert sich Bertram Beier um die Außenwerbung des Städtebundtheaters. da sind die aktuellen Programm-Flyer in die Touristen-Informationen der Region zu bringen. „Das selbst zu tun, ist billiger, schließlich fehlt uns Geld an allen Ecken und Enden“, sagt Beier.

In den drei großen Städten im Harzkreis hat er Helfer, die die Flyer verteilen. Aber wenn er die Tagestour absolviert hat, hängt noch kein einziges Plakat. Wobei er unterschiedliche Anforderungen beachten muss. Während er in Halberstadt an Straßenlaternen mit rotem Bändchen kein Plakat hängen darf, wollen die Quedlinburger nur, dass er darauf achtet, dass der rote Ringel erkennbar bleibt. Und in Thale muss er rechnen, wie lange es sich das Städtebundtheater erlauben kann, dort zu werben, denn pro Plakat wird ein Euro am Tag fällig ...

Doch auch simple Briefe zu verschicken, kann abenteuerlich sein. Vor einiger Zeit wollte man ihm die (vorher angemeldeten) 634 Briefe im A4-Format in Quedlinburg nicht abnehmen, in Halberstadt klappte es dann. Bertram Beier nimmt es mit Humor.

Selbst spielen fehlt Bertram Beier

Den 1981 in Blankenburg geborenen, in Thale aufgewachsenen Beier kann wenig erschüttern. Er liebt Theater über alles, hat vor 17 Jahren als Statist begonnen. Sein Studium wollte finanziert werden, aber irgendwann war er mehr am Jobben als am Studieren. Also machte er Nebenjob Nummer 2 in einer Tankstelle zu einer Ausbildung, organisierte die Dienstpläne, lernte Kaufmännisches. Auch ein Jahr als Lagerarbeiter bei einer Parfümerie findet sich in seiner Vita.

Immer aber blieb das Theaterspielen und irgendwann wurde er gefragt, ob er nicht Mitarbeiter im künstlerischen Betriebsbüro werden wollte und die Leitung der Statisterie übernahm. Nun ist er Verkaufsleiter. Fehlt ihm das Theaterspielen? „Einmal im Jahr darf ich ja noch“, sagt er und grinst. In „Der Name der Rose“ in der Stiftskirche Quedlinburg ist er mal vor den Kulissen und nicht hinter diesen aktiv.