Halberstadt l Aufgeregt ist sie, die Frau, die am zweiten Weihnachtstag 2020 bundesweit bekannt wurde. Edith Kwoizalla aus Halberstadt war die erste, die beim Impfen gegen Covid-19 von Kameras begleitet worden war. Der Medienrummel überraschte nicht nur die Seniorin, die am 14. Mai 1919 das Licht der Welt erblickte.

Um 10 Uhr wird sie am Freitag, 15. Januar, die zweite Impfdosis gegen das neuartige Corona-Virus bekommen, wieder begleitet von Medienleuten. Das ist eine Menge Trubel, aber Edith Kwoizalla wird auch das mit Humor tragen. Und wer weiß, vielleicht hat sie gegen die Aufregung vorher ein Liedchen angestimmt.

Seit Kindertagen der Musik verbunden

Musik ist zeitlebens wichtig gewesen und noch immer unverzichtbar für die lebensfrohe Seniorin. Bis heute ist sie Mitglied in der Halberstädter Chorgemeinschaft, wenn auch inzwischen passiv. „Sie kennt wirklich viele Lieder, die inzwischen in Vergessenheit geraten sind. Viele Küchenlieder und Volksweisen, manche haben 20 Strophen und alle kann sie auswendig“, sagt ihre Schwiegertochter Kerstin Kwoizalla, die inzwischen die vor 135 Jahren gegründete Halberstädter Chorgemeinschaft leitet. Dass diese viele Jahre lang unter dem Dirigat ihres Neffen Rolf-Reinhard Loose stand, ist dabei nur eine weitere Anekdote in dem bewegten Leben von Edith Kwoizalla.

Aufgewachsen ist sie in Ballenstedt, der Vater arbeitete bei der Bahn und lebte mit seiner Frau und den drei Töchtern direkt an der Bahnstrecke. Das gemeinsame Musizieren gehörte zum Familienalltag, das prägt bis heute die Familie, ebenso wie die Berufswahl aller drei Schwestern. Alle wählten Berufe, bei denen es um das Wohlergehen anderer Menschen geht – die beiden älteren wurden Kindergärtnerinnen, Edith erlernte in Magdeburg den Beruf der Krankenschwester. Eine Wahl, die auch ihre eigene Tochter Burga treffen sollte.

Viele Jahre spielte Edith Kwoizalla Klavier, das Singen hat sie bis heute nicht aufgegeben. „Sehr zur Freude ihrer Mitbewohner“, berichtet Schwiegertochter Kerstin.

Erst seit Juni 2020 im Seniorenzentrum

Erst seit Juni 2020 lebt die dreifache Großmutter und fünffache Uroma im Seniorenzentrum Krüger. Ein Beinbruch machte den Umzug in die Erich-Bordach-Straße Halberstadts erforderlich. Regelmäßig wird sie von ihren drei Kindern besucht. Dass sich alle gemeinsam bei der Mutter treffen, ist seit den strengen Corona-Beschränkungen nicht mehr möglich. „Aber bei einer Spazierfahrt im Park konnten wir gemeinsam reden“, erinnert sich Kerstin Kwoizalla. Ihre Schwiegermutter war sich nicht sicher, ob sie sich gegen das Corona-Virus impfen lassen sollte oder nicht.

Als gelernte Krankenschwester, die noch nach dem Eintritt ins Rentenalter gearbeitet hatte, ist sie Impfungen gegenüber generell aufgeschlossen. Aber mit 101 habe sie ihr Leben gelebt, wieso also impfen lassen? „,Für uns und die Mitbewohner im Heim‘, haben wir ihr gesagt. Da sie sich immer mehr Sorgen um uns als um sich macht, hat sie das bewogen, der Impfung zuzustimmen“, erinnert sich Schwiegertochter Kerstin im Volksstimme-Gespräch. „Und als sie als die älteste Heimbewohnerin die Einverständniserklärung unterschrieb, haben sich auch andere getraut.“

Briefe aus Hamburg und Halberstadt

Der Mut der Frau, die geboren wurde, als weltweit Hunderttausende Menschen an der Spanischen Grippe starben, hat auch andere beeindruckt. Es gab viele Reaktionen auf die Schlagzeilen, die nicht nur bundesweit von der ersten Covid-19-Impfung in Deutschland berichteten.

„Ein junger Mann aus Halberstadt hat ihr geschrieben, einen tollen Brief“, berichtet Kerstin Kwoizalla. „Solche Frauen wie Sie braucht die Jugend“, habe darin gestanden und dass er ihren Mut bewundere. Und aus Hamburg meldete sich eine Seniorin, die dort die erste war, die eine Impfung bekam. Das verbinde, habe die Hanseatin geschrieben.

Wobei diese Generation sicher mehr verbindet als eine aktuelle Corona-Impfung. Schwierige Zeiten haben sie einige durchlebt. Edith Kwoizalla erlebte hochschwanger den verheerenden Bombenangriff auf Halberstadt, nur wenige Tage später gebar sie ihre Tochter. Nicht im Krankenhaus, sondern in einem einfachen Zimmer inmitten der zerstörten Stadt.

Kwoaizalla blieb immer Optimistin

Auf Tochter Burga folgte ein Jahr später Sohn Gerhard, zehn Jahre später dann Sohn Wolfgang. Die fünfköpfige Familie kämpfte sich durch die schwierige Nachkriegszeit, erlebte Höhen und Tiefen. „Meine Schwiegermutter ist dabei immer optimistisch geblieben“, sagt Kerstin Kwoizalla. Sie war es, die dann letztlich den Ausschlag dafür gab, dass ihre Schwiegermutter den geliebten Schwesternkittel für immer an den Nagel hängte und nicht mehr jeden Tag in der HNO-Klinik zur Arbeit ging. „Damit ich 1982 weiter meinem Beruf als Lehrerin nachgehen konnte, kümmerte sich Edith um ihre Enkel.“

Die hoffen wie die ganze Familie, dass das Impfen bald ein Stück Normalität in den Alltag zurückbringt und wieder mehr als nur ein Besucher zulässig ist in den Seniorenzentren der Bundesrepublik.

Bei aller Hoffnung auf normalen Alltag, der Tag heute wird wohl keiner der üblichen werden, das weiß auch Heimbetreiber Tobias Krüger. Er ist, wie die Angehörigen der überraschend prominent gewordenen Edith Kwoizalla, von dem Medieninteresse zu Weihnachten überrumpelt worden. „Der Kreis hatte gefragt, ob ein Bewohner bereit wäre, sich beim Impfen fotografieren zu lassen“, erinnert sich Krüger, „dass das solche mediale Wellen schlägt, damit hatte niemand gerechnet.“