Halberstadt l Für Bewohner von Haus B im Zast-Gelände ist es offenbar wie Kino aus der ersten Reihe gewesen. Das Video, das sie ganz offensichtlich am Samstag aufgenommen und anschließend verbreitet haben, ist jedoch alles andere als schön. Die Szenen, an deren Authentizität bislang keine Zweifel aufgekommen sind, zeigen, wie einige auf Krawall gebürstete Zast-Bewohner Tumulte anzetteln und hinzu geeilte Wachleute wüst beschimpfen und bedrohen.

Die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes sind gefordert, schnell und angemessen auf die Revolte von schätzungsweise 20 Bewohnern zu reagieren. Diese schaukeln mit vereinten Kräften am Quarantäne-Trennzaun zwischen den Häusern B und C bis die Gitter schließlich fallen. Anschließend gibt es Gerangel zwischen Bewohnern und Wachleuten. Als letztere die Gitter wieder aufgerichtet haben, werden sie erneut umgeworfen. Obendrein sind laute Schreie und mehrfach die Worte „Fuck you“ und „I kill you“ („ich töte dich“) zu hören.

Ein Höhepunkt der Randale, die am Samstag in den Einsatz zahlreicher Polizeibeamter mündete, die vorsorglich vor der Zast in Position gingen, aber nicht eingreifen mussten. Am Ende blieb – wie bereits in der Montagausgabe ausführlich berichtet – die Randale abgesehen von diversen Anzeigen ohne körperliche Folgen. Verletzte soll es nicht gegeben haben. Dafür aber zuhauf Schlagzeilen und sofort aufgekommene politische Forderungen nach bessere Versorgung und dezentraler Unterbringung der Flüchtlinge. Und obendrein eine illegale Kundgebung am Sonntag.

Laut Polizei stellten Beamte am Sonntag gegen 13.30 Uhr regen Besucherverkehr Richtung Zast fest. „Bei der Kontrolle wurde bekannt, dass die Personen eine Versammlung planten, um sich für die Rechte der Asylbewerber einzusetzen“, so eine Polizeisprecherin. Aufgrund der Eindämmungsverordnung bezüglich des Coronavirus seien derartige Aktionen jedoch verboten. Daher sei seitens der Polizei eine Identitätsfeststellung erfolgt, der sich einige Personen jedoch entziehen konnten. „Gegen zehn Personen zwischen 20 und 36 Jahren wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet“, so die Behördensprecherin weiter. Wer gegen das Infektionsschutzgesetz verstoße, riskiere bis zu zwei Jahren Haft oder Geldstrafe.

Letztlich stellt sich die Frage, ob all diese direkten Zusammenhänge – erst Randale in der Zast, dann unmittelbar danach Kamerateams und Fotografen an der Zast, wenig später ein faktisch fehlerfrei ausformulierter siebenseitiger offener Brief eines Antirassistischen Netzwerks Sachsen-Anhalt und schließlich jene unangemeldete Kundgebung – Zufälle sind oder gezielt inszeniert wurden. Die scheinbar perfekte Abfolge macht zumindest stutzig.

Helferin glaubt nicht an Zufälle

Esther Malhotra glaubt nicht an Zufälle. Die Leiterin des soziokulturellen Zentrums Zora in Halberstadt engagiert sich nach eigenen Worten seit 2015 in der Zast und nimmt daher für sich in Anspruch, die internen Zusammenhänge und Abläufe zu kennen. „Ich habe am Wochenende mit vielen Leuten gesprochen, die all das nicht für Zufall halten.“

Nach ihren Worten ist die Situation in der Zast seit der Quarantäne zwar deutlich angespannter als sonst. Viele Sozialarbeiter und Helfer würden aber alles versuchen, die Situation der Bewohner zu verbessern.

Die Zast war in der Nacht zum 27. März hermetisch abgeriegelt worden, nachdem ein nach Halle verlegter Bewohner positiv auf Covid-19 getestet worden war. Seither werden alle Bewohner schrittweise auf eine Corona-Infektion getestet. Bis gestern stieg die Zahl der positiv getesteten Personen auf 28. Sie wurden laut Landesverwaltungsamt ins Quarantänelager nach Quedlinburg verlegt.

Dass die Migranten ab 27. März die Zast Knall auf Fall nicht mehr verlassen konnten, habe die Situation natürlich zugespitzt, so Esther Malhotra. Kritik am Essen – angeblich Auslöser der Unruhen am Samstag – habe es allerdings schon immer gegeben. „Aber es ist ja auch schwierig – man hat da zig Nationalitäten und kann nicht immer jeden Geschmack treffen.“ Aber: Bislang hätten die Bewohner individuell Lebensmittel kaufen und kochen können.

Das sei wegen der Quarantäne schlagartig nicht mehr möglich gewesen. Der Aufbau alternativer Versorgungsstrukturen über Helfer und Sozialarbeiter habe eine gewisse Zeit gedauert. „Ich glaube, schneller hätte man aber nicht reagieren können, um Hygieneartikel und auch Genussmittel wie Tabak in die Zast zu bringen. Letztlich wurde die Situation gut gemeistert“, so die Zora-Chefin.

Mittlerweile hat auch das Landesverwaltungsamt hier nachjustiert und versucht, über Bestelldienste individuelle Wünsche der Bewohner zu erfüllen. Letztlich, so Esther Malhotra, versuchten die Sozialarbeiter und Helfer alles, um die Situation in der Aufnahmeeinrichtung bestmöglich zu gestalten. „Ich kann die Kritik von Bewohnern nachvollziehen – letztlich müssen aber auch wir Einheimischen aufgrund der Corona-Pandemie mit Einschränkungen leben.“

Was mit Blick in die Harzer Kommunen auch mittelfristig nur vernünftig wäre. Dort würde sich in einem solchen Fall massiver Widerstand regen, kündigt Thales Bürgermeister Thomas Balcerowski (CDU) im Namen seiner Amtskollegen und Parteifreunde an. „Nicht einer ist im Moment zur Aufnahme bereit – wir würden das auf gar keinen Fall unterstützen.“