Halberstadt l In eine Winterjacke gehüllt öffnet Heide Müller die Wohnungstür. Kein Wunder, beträgt die Raumtemperatur doch gerade einmal zehn Grad Celsius – ohne dicke Kleidung und Decken nicht auszuhalten. Und doch muss die Halberstädterin seit Wochen in der Kälte ausharren – sie hat weder Warmwasser, noch Heizung. Wie kräftezehrend das ist, ist dem blassen Gesicht der Frau deutlich anzusehen.

„Seit Oktober geht das schon so“, berichtet Heide Müller. So heißt sie nicht wirklich – ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt –, aber die Halberstädterin bittet darum, anonym zu bleiben. Zu unangenehm ist der 60-Jährigen die Situation, in der sie und ihre Familie sich befinden. Unverschuldet, wie sie betont. Jeden Monat werde Geld für die Nebenkosten ihrer Wohnung an die Halberstadtwerke überwiesen.

Lieferung bis zur Haustür

Der Versorger liefere auch an die Adresse, ein Mehrfamilienhaus an der Maxim-Gorki-Straße, versichert Daniel Hübner, Sprecher der Halberstadtwerke, auf Volksstimme-Nachfrage. „Ein Fehler kann von unserer Seite ausgeschlossen werden.“ Regelmäßig werden Netz und Leitungen kontrolliert.

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Allerdings, so sagt Hübner, haben sich auch schon andere Bewohner der Maxim-Gorki-Straße beim Energieversorger gemeldet, deren Heizkörper ebenfalls kalt bleiben. „Das Problem ist“, ergänzt Steffen Kerlin, kaufmännischer Leiter der Halberstadtwerke, „dass wir nur bis zur Haustür liefern, alles danach liegt nicht in unserem Bereich.“ Das sei Vermietersache.

Negative Erfahrung

Im Fall der Wohnblöcke in der Maxim-Gorki-Straße handelt es sich dabei um das Immobilienunternehmen Harzblick Projekt GmbH mit Sitz im niedersächsischen Mariental. Der Firma gehören die Mehrfamilienhäuser Juri-Gagarin-Straße 1-9, Maxim-Gorki-Straße 11-18, Puschkinstraße 4-5 und Richard-Wagner-Straße 43-46.

Und mit dieser Harzblick Projekt GmbH haben sowohl die Mieter als auch die Halberstadtwerke in diesem Jahr bereits negative Erfahrungen gesammelt. So drohte den Bewohnern bereits Anfang März, dass ihre Versorgung mit Warmwasser und Wärme eingestellt wird. Der Grund: Ihr Vermieter hatte Außenstände bei den ­Halberstadtwerken angehäuft, Schulden in fünfstelliger Höhe, wie der Energieversorger damals mitteilte.

Sperrungsandrohung

Die Sperrungsandrohung ist nicht umgesetzt worden. „Wir haben uns ein Konstrukt überlegt, um die Mieter nicht im Stich zu lassen“, berichtet Daniel Hübner. Dieses sieht so aus, dass die Mieter die Nebenkosten direkt an den Versorger überweisen, nicht mehr an den Vermieter. Während manche sich gleich ganz eine neue Wohnung besorgt haben, nahmen andere das Angebot an – so auch Familie Müller.

Im Juli kam die nächste Hiobsbotschaft für die verbliebenen Bewohner der Harzblick-Projekt-Wohnblöcke: Für das Immobilienunternehmen ist vom Amtsgericht Wolfsburg ein Insolvenzverfahren eingeleitet und der Wirtschaftsjurist Tobias Hartwig von Schultze & Braun zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt worden. Diesem sei es nicht gelungen, zu der Immobilienfirma Kontakt aufzunehmen, informierte Ingo Schorlemmer, Pressesprecher von Schultze & Braun, im Sommer. Verwunderlich ist das nicht: Bei der Recherche im Internet zur Harzblick Projekt GmbH ist lediglich der Firmensitz, nicht aber ein Ansprechpartner oder eine Telefonnummer zu finden.

Insolvenzantrag zurückgezogen

Im September dann eine unerwartete Wende: Kurz vor der Eröffnung des Verfahrens gegen den Vermieter war dessen Insolvenz vom Tisch. Überraschenderweise habe die Gläubigerin – es handelte sich um einen Fremdantrag – den Insolvenzantrag zurückgezogen, informierte im Herbst Ingo Schorlemmer auf Volksstimme-Nachfrage. Die Vorbesitzerin der Häuser sei diejenige gewesen, die den Insolvenzantrag beim Gericht gestellt hatte, nachdem „ein erheblicher Teil des Kaufpreises“ unbezahlt geblieben ist. „Die Forderung der Antragstellerin wurde zuvor von dritter Seite beglichen“, so Schorlemmer.

Geld sei auch an die Halberstadtwerke geflossen. „Zwischenzeitlich sind Zahlungen des Vermieters erfolgt“, teilt Steffen Kerlin mit. Er könne jedoch nicht ins Detail gehen, da es sich noch immer um ein schwebendes Verfahren handele. „Wir hoffen für die Mieter auf eine gütliche Einigung.“

Beinahe alle Nachbarn ausgezogen

Familie Müller hat das Auf und Ab im Fall ihres Vermieters aufmerksam verfolgt. Vielen ihrer Nachbarn sei das zu viel geworden, sagt die 24-jährige Tochter Saskia. Lediglich zwei Parteien seien neben ihnen noch wohnen geblieben. „Als wir hier eingezogen sind, war das ganze Haus voll“, berichtet Heide Müller. 16 Jahre sei das her. Damals hätten sie sich sehr wohl gefühlt. Doch im Laufe der Jahre sei der Renovierungsbedarf an ihrem Block gestiegen. Die Hoffnung, dass die Harzblick Projekt GmbH Abhilfe schaffen wolle, sei groß gewesen. „Die haben sich vor einem Jahr persönlich bei uns vorgestellt und versprochen, dass saniert wird“, berichtet Saskia Müller. Auch sei ihnen eine Handynummer gegeben worden, die sie bei Problemen und Ausfällen wählen sollten.

Die sei schnell notwendig geworden. „Es fing mit Kleinigkeiten an. Mal keine Heizung, mal kein Wasser“, berichtet die Halberstädterin. Doch ihre Anrufe blieben unbeantwortet. „Man erreicht bei der Firma so gut wie nie jemanden“, kritisiert sie. Auch die Anrufe der Volksstimme-Redaktion verliefen ins Leere.

Vermeintlcher Einbruch

So sei es auch Anfang Oktober gewesen. „Wir wollten wissen, wann endlich die Heizung angestellt wird“, sagt Heide Müller. Erst nach mehreren Fehlversuchen ging jemand von der Harzblick Projekt GmbH ans Handy. „Da wurde uns gesagt, dass im Haus nebenan der Heizkessel kaputt ist und Leitungen geklaut wurden“, berichtet Saskia Müller. Glauben schenke sie den Aussagen nicht. „Es gibt keine Einbruchspuren“, erläutert sie.

Eindringlich habe die Familie ihre Situation geschildert. Die Eltern hätten Diabetes und Bluthochdruck, der 18-jährige Bruder leide an chronischer Bronchitis, berichtet die 24-Jährige. „Und ich habe Asthma und epileptische Anfälle.“ Aus diesem Grund wohne sie noch bei den Eltern. Doch unter den derzeitigen Umständen sei das unhaltbar.

Hoffnungsschimmer

„Sie haben uns eine Ausweichwohnung angeboten“, berichtet Heide Müller. In der Richard-Wagner-Straße. „Offensichtlich eine Raucherwohnung, darin war alles gelb und es stand ein übervoller Aschenbecher drinnen.“ Angesichts der Atemwegserkrankungen der Kinder und der Tatsache, dass die Wohnung auch sonst in keinem guten Zustand war, habe die Familie abgelehnt. „Wir haben dann eine Mietminderung angekündigt und mit der KoBa, die für unsere Wohnung zahlt, abgesprochen.“ Diese auch umzusetzen, habe sie sich aber nicht getraut. „Sie haben uns mit einer fristlosen Kündigung gedroht.“

Dennoch gibt es einen Hoffnungsschimmer für die Familie. „Wir haben heute eine Wohnung besichtigt, die ist schön und richtig schön warm. Wenn die KoBa ihr Okay gibt, ziehen wir um“, sagt Heide Müller und lächelt zum ersten Mal während des Gesprächs mit der Volksstimme. Allerdings müssen sie, ihr Mann und die Kinder Weihnachten noch in der Kälte überstehen. Die neue Wohnung sei erst ab 15. Januar frei.