Volksstimme: Alle Gemeinden im Elbe-Havel-Land sind pleite – bis auf die Gemeinde Klietz, die 2017 mal keine roten Zahlen geschrieben hat. Aber das war nur ein Strohfeuer, weil es ja die Landeszuweisungen sind, die bedingt durch die in der Kaserne untergebrachten Flüchtlinge so hoch sind. Mit welcher Haushaltslage rechnen Sie 2018?

Hermann Paschke: Nach dem einzigen Jahr 2017 mit einem Haushalt mit schwarzen Zahlen rutschen wir durch die daraus resultierenden extrem hohen Abgaben an Kreis und Verbandsgemeinde sofort wieder auf ein Minus von voraussichtlich 189.000 Euro.

Gibt es denn Dinge, in die die Gemeinde dringend investieren müsste?

In die Straßenbeleuchtung von Neuermark-Lübars. Dort liegen teilweise noch Alu-Kabel in der Erde, die bei Starkregen an den Verbindungsstellen zu Kurzschlüssen führen. Leider wissen wir nicht, wo die Stellen sind. Jedes mal muss ein Messwagen bestellt werden, der fast 1000 Euro kostet. Dringend ist ebenso die Umstellung der Warmwasserversorgung der Neubaublöcke auf Durchlauferhitzer, so dass nicht ständig mit 80 Grad Celsius Vorlauftemperatur das Warmwasser aufbereitet werden muss.

Die Investmittel vom Land für die Gemeinden sollen ja ohnehin zu einem großen Teil wieder an die Verbandsgemeinde abfließen, damit sie in Kindergärten, Schulen und vor allem Feuerwehren investieren kann. Sind Sie mit dieser Strategie einverstanden?

Fast die gesamte Summe der Investitionsmittel abzugeben, wäre nicht möglich gewesen. Nun hat der Verbandsgemeinderat sich ja für einen Kredit entschieden. Es ist die Wahl zwischen Pest und Cholera, denn auch dieser Kredit muss scheibchenweise von den Gemeinden finanziert werden.

Auch 2018 gibt es ja etliche Flutmaßnahmen, die in Ihrer Gemeinde realisiert werden – was steht an?

Der Straßenbau in der Seesiedlung soll abgeschlossen werden. Wir erwarten bis Ende April die Herrichtung der Badestelle – ein echter Gewinn für die Gemeinde und für die Attraktivität des Schullandheimes. Der Weg und die Brücke zwischen altem Bahnhof und Deich soll Anfang März in Angriff genommen werden. Ebenso die Herrichtung des landwirtschaftlichen Weges zwischen altem Bahnhof und Neuermark-Lübars als Schotterweg. Letztlich werden auch noch die stark befahrene Dammstraße und der Trübenweg in Klietz saniert. Also, es ist noch viel zu tun.

Wenn die Badestelle fertig ist, könnten Sie die Klietzer doch zum Anbaden einladen und als Erster vom neuen Steg ins Wasser springen?

Gute Idee! Ob ich springe, mache ich mal vom Wetter und der Wassertemperatur abhängig.

Sie erhoffen sich auch für das Schullandheim mit der schönen Badestelle neue Akzente. Wie sind denn die Belegungszahlen für 2017?

Wir hatten 1160 Gäste. Sie kamen weniger aus dem eigenen Landkreis, sondern vielmehr von außerhalb der Grenzen unserer Region, wo man das Schullandheim mehr schätzt. Insbesondere haben wir seit Jahren zufriedene Gruppen aus Berlin. Die kleinen Schätze vor der eigenen Tür werden oft nicht so gewürdigt. Hoffen wir, dass sich dies vor allem durch die intakte Badestelle ändert.

Im Rat wurde ja immer mal wieder der Gedanke laut, das Schullandheim in andere Hände zu übergeben, wie stehen Sie dazu?

Die Mehrheit des Rates ist nach wie vor dafür, dass das Landschulheim in den Händen der Gemeinde bleibt, es erhöht die Attraktivität unseres Dorfes.

Jahr um Jahr verliert Klietz Einwohner, 2017 sind nur drei Kinder geboren worden. Bereitet Ihnen das Sorge, auch wenn sie sechs Jahre voraus schauen und an den Schuljahrgang denken?

Es macht uns schon Sorgen, dass die Bevölkerungszahlen sinken und immer mehr ältere Bürger hier wohnen. Wir versuchen unter anderem durch die Bereitstellung von Bauland Menschen für Klietz zu begeistern. Insgesamt ist es eine entscheidende Frage, wie wir die kommunale Infrastruktur und Arbeitsmöglichkeiten erhalten können – das ist leichter gesagt als tatsächlich getan.

Die Schule sorgt immer wieder für erfreuliche Schlagzeilen, sind die Kinder doch unter anderem im Umweltschutz aktiv. Derzeit geht es um die Einrichtung einer Lehrküche, bei der die Eltern zupacken wollen. Kann die Gemeinde da ebenfalls helfen?

Es war vorgesehen, dass die Verbandsgemeinde das Projekt unterstützt. Gemeinsam mit allen Verantwortlichen von Verwaltung, Gemeinde und Schule wurden im vergangenen Jahr vor Ort Besichtigungen und Beratungen durchgeführt. Eine konkrete Aufgabenstellung seitens der Verwaltung wurde nicht erteilt. Nun droht das Projekt ,Förderung Lehrküche‘ zu kippen, weil das Konzept nicht vorliegt. Vielleicht kann man das im beiderseitigen Einvernehmen bis zur zweiten Lesung des Haushaltes am 21. Februar noch heilen.

Für den Gebäudeteil, in dem sich die Förderschule befunden hatte, gab es ja Interessenten, die altersgerechtes Wohnen einrichten wollten. Man hört nichts mehr – hat sich das zerschlagen?

Ja leider. Denn der Betreiber Johanniter konnte keine zehnjährige Nutzungsdauer garantieren und die Höhe der Mietkosten nicht akzeptierten. Wir hätten in großem Umfang Umbaumaßnahmen durchführen müssen. Derzeit gibt es keine neuen Interessenten.

Die Mühle ist eines der Ausflugsziele. Seit Jahren wird davon gesprochen, dass sie dringend einen neuen Anstrich braucht – das Holz ist schon ganz grün.

Der Anstrich sollte schon im vergangenen Jahr erfolgen, leider wurde der Haushalt erst im Herbst verabschiedet und somit hätte die Maßnahme nicht vor November realisiert werden können. Der Gemeinderat entschied sich deshalb für eine Verschiebung auf das Frühjahr 2018.

Dank der rührigen Vereine wie beispielsweise dem Förderverein der Feuerwehr in Klietz, dem Heimatverein in Neuermark-Lübars oder den Scharlibber Freunden gibt es doch etliche kulturelle Angebote in der Gemeinde. Inwieweit kann die Gemeinde sie fördern?

Wir versuchen, wie bisher 200 Euro zuzuschießen und wollen stärker koordinieren.

Der Klietzer Heimatverein hat sich auch mit Ihnen im Vorstand 2017 neu aufgestellt. Funktioniert es?

Wir sind auf dem Weg, haben mit Erntedankfest und Wichteln auf dem Weihnachtsmarkt Gutes auf die Beine gestellt. Aber es ist noch viel zu tun. Dieses Jahr wird das Hofmuseum 20 – das soll ein schönes Geburtstagsfest werden.

Ihr Auto steht oft vor dem Schönhauser Bürgerzentrum – Sie sind viel im Verwaltungsamt. Fühlen Sie sich gut betreut?

Ich denke, dass wir eine gute Zusammenarbeit mit der Verwaltung pflegen. Schritt für Schritt wurden Kommunikationsprobleme beseitigt. Man darf nicht vergessen, dass die Personaldecke in unserer Verwaltung für eine Verbandsgemeinde mit sechs Mitgliedsgemeinden am Limit arbeitet.

Ihre Frau ist Mitglied im Verbandsrat – da wird am Frühstückstisch sicher über das ein oder andere Thema wie beispielsweise die hohen Umlagen, die die Gemeinden zahlen müssen und somit in finanzielle Schieflage geraten, diskutiert. Warum steckt denn das Elbe-Havel-Land in so einem finanziellen Dilemma und welchen Weg sehen Sie, da jemals rauszukommen?

Wir versuchen, nicht schon beim Frühstück über unerfreuliche Dinge zu reden. Aber Fakt ist: solange das gesamte kommunale Finanzierungssystem nicht verändert wird, bleiben wir hoch verschuldet. Vielleicht wären die Schulden ein klein wenig geringer, wenn man Einschnitte in den kommunalen Infrastrukturen machen würde. Die Verbandsgemeinde hat die Verantwortung für eine funktionierende Feuerwehr, unterhält Grundschulen und Kitas. Das sind notwendige, aber auch sehr kostenintensive Einrichtungen. Wenn die Tischdecke zu kurz ist, ist es egal, wo man zieht – sie bleibt zu kurz.

Die rund 150 Flüchtlinge, die jetzt noch da sind, werden Klietz bis zum Sommer verlassen. Als sie im September 2015 quasi über Nacht in der Kaserne untergebracht wurden, waren Sie gerade frischgebackener Bürgermeister und die Situation im Ort sicher nicht immer einfach. Welches Fazit ziehen Sie?

Natürlich war es am Anfang wirklich eine Herausforderung. Insgesamt hat die Gemeinde das alles aber doch gut gemeistert. Es gab zwischen der Erstaufnahme, dem DRK und der Gemeinde immer einen kurzen Draht, um Probleme zu minimieren. Besonders das DRK und die Kirche haben ihren Beitrag geleistet. Allen nochmals Dank! Klietz ist bunter geworden und auch toleranter. „Mit der Geduld am Ende“ waren wir eigentlich nur, weil das Innenministerium immer wieder widersprüchliche Aussagen zur Verweildauer der Einrichtung in Klietz getätigt hat – das hat der Glaubwürdigkeit massiv geschadet.

Bis Sommer 2017 hatten Sie für mehrere Monate Gastkinder aus Russland. Steht wieder vorübergehender Familienzuwachs an?

Wir werden kurzzeitig Kinder aus Tschernobyl aufnehmen. Aber Gastkinder für längere Zeit sind derzeit nicht geplant. Weihnachten ist unser zehntes Enkelkind geboren. Da sind wir nun doch als Oma-Opa-Hotel oft ausgebucht.

Worauf freuen Sie persönlich sich 2018?

Dass unsere Gemeinde durch den Abschluss der Bauarbeiten mehr Attraktivität gewinnt und familiär auf unser jährliches Familientreffen zu Himmelfahrt. Für vier Tage kommen 34 Menschen vom Säugling bis zum Rentner sogar aus den USA und der Schweiz zusammen. Das ist turbulent, macht aber so richtig viel Freude, alle um sich zu haben.