Hannover/Magdeburg l „Man wird langsam depressiv, weil nichts läuft“, sagt Otto Selau. Der 20-Jährige ist Deutschlands jüngster Travestiekünstler. Eigentlich wäre er dieser Tage auf einer großen Tournee durch Deutschland gewesen. Doch die Veranstaltungen mussten coronabedingt verschoben werden. Die Arbeit liegt komplett brach, denn die Show war international aufgestellt – mit Travestie-Künstlern unter anderem aus Brasilien und Spanien, die ihre Heimatländer wegen der Pandemie nicht verlassen können. Und so ist es auch nicht möglich, zumindest gemeinsam zu proben, bedauert Selau, der die Bühne schon von Kindesbeinen an mochte.

Die Tournee sei komplett auf das Jahr 2021 verschoben worden. Seine große Bitte an die Bevölkerung: „Behalten Sie Ihre Karten, irgendwann werden wir weitermachen.“ Er möchte die Menschen ermutigen, dann auch ins Theater zu gehen, wenn es wieder gestattet ist, um den Künstlern eine Chance auf ein Einkommen zu geben. Die Sorgen des auch in Magdeburg tätigen Künstlers, der inzwischen in Hannover lebt und aus der Altmark stammt, sind existenziell. Vor dem Teillockdown wäre es vielleicht möglich gewesen, mit kleinerem Publikum zu spielen. Allerdings: „Dann brauche ich drei Auftritte, um allein die Unkosten zu decken“, sagt Selau. Für Künstlerinnen, die bereits 70 Jahre alt sind, sei das nicht immer leistbar. Und im Verhältnis zu den teils hohen Saalmieten sei es auch nicht rentabel. Die Mieten würden sich zwischen 700 und 3000  Euro bewegen. Es dürften aber nur 20 Prozent des üblichen Publikums hineingelassen werden. Selbst wenn die Vermieter die Saalmieten auf 20 Prozent senken würden, könnten mit den Einnahmen lediglich die Unkosten gedeckt werden.

Kostüme verkaufen oder Hartz IV beantragen?

Mit seinen Kollegen hatte er daher überlegt, Online-Shows zu veranstalten: „Aber das bringt auch nichts, dann kommen die Leute ja nicht mehr ins Theater.“

Die Corona-Maßnahmen findet Selau ungerecht. Zumal Begegnungen in Schulen und Einkaufsmärkten erlaubt sind, nicht aber im Theater, wo ebenfalls auf Sicherheitsabstände geachtet, Hygiene-Konzepte umgesetzt werden.

Hilfsprogramme greifen nicht

„Ich lebe eigentlich gar nicht zurzeit“, antwortet Selau auf die Frage, wovon er derzeit lebt. Die letzte Show habe er am Frauentag gespielt. Seither habe er nicht mehr auf der Bühne stehen können. Mit kleineren Jobs, etwa dem Anfertigen von Kostümen, hält er sich über Wasser. Doch da auch die Theater nicht für Publikum öffnen dürfen, sei die Nachfrage diesbezüglich ebenfalls gering. Sollten die Beschränkungen noch lange andauern, werde er wohl Hartz IV beantragen müssen. Zuvor müsste er aber wahrscheinlich noch seinen Fundus an Kostümen auflösen, sein eigenes Kapital nutzen. „Die Kostüme brauche ich aber für die Arbeit“, schildert Selau die Zwänge, in denen er sich derzeit befindet.

Die aufgelegten Hilfsprogramme würden für ihn vielfach nicht greifen. Denn sie seien nicht gedacht, um Lebenskosten zu decken, sondern nur für laufende Kosten etwa für eine Raummiete, nicht aber für die Krankenkasse oder den wöchentlich Lebensmitteleinkauf. Für November gebe es ein Programm, da hätten Künstler bis zu 5000  Euro Hilfe beantragen können. Doch diese seien an einen Jahresumsatz von 35 000  Euro gebunden. Die Hilfe müsse zudem zurückgezahlt werden.

Hinzukommt, dass Leute wegen zwei Karten klagen würden, um ihr Geld wiederzubekommen und noch Freikarten obendrauf fordern würden. Ein Licht am Ende des Tunnels sei nicht in Sicht. Dennoch versucht er, nicht den Mut zu verlieren, an anderen Dingen zu arbeiten.