Magdeburg l Wo ist Magdeburgs berühmtester Sohn begraben? Die Antwort auf diese vermeintlich einfache Frage ist komplizierter als man glaubt.

Denn Otto von Guericke (1602–1686), Oberbürgermeister im Dreißigjährigen Krieg und zugleich berühmter Erfinder, liegt nicht etwa in der Familiengruft der Alemanns und Guerickes unterhalb der Johanniskirche begraben. Nein, die Suche nach seinen Überresten ist weitaus komplexer – und sie wurde bereits vor über 100 Jahren durchgeführt.

Namensgeber der Ottostadt Magdeburg

Auslöser der aktuellen Enthüllungen über das Guericke-Grab war ein Antrag des CDU-Stadtrats Thomas Brestrich. Dieser hatte sich überlegt, dass anlässlich der Magdeburger Kulturhauptstadtbewerbung 2025 doch auch der eine der beiden Namensgeber der Ottostadt entsprechend gewürdigt werden sollte. Deshalb sollte in das Konzept zur Kulturhauptstadtbewerbung auch die Begehbarkeit der letzten Ruhestätte Otto von Guerickes aufgenommen werden, wie er in einem Antrag formuliert hatte. „Soweit das Grab tatsächlich gefunden wird, ist es nach einem öffentlichen Wettbewerb herzurichten“, hatte er gefordert.

Daraufhin wurde innerhalb der Stadtverwaltung Magdeburg recherchiert. Die Ergebnisse hat Magdeburgs Kulturbeigeordneter Matthias Puhle jetzt vorgelegt und sie geben keine Hoffnung, Brestrichs Anliegen in die Tat umzusetzen.

Guericke-Grab in Kirche vermutet

Puhle erinnert, dass Otto von Guerickes Grab in der stadtgeschichtlichen Literatur kontrovers diskutiert wird. „Noch jüngste Veröffentlichungen gehen von längst überholten Annahmen aus“, erklärt er. Als mögliche Ruhestätten werden die Johanniskirche, die Ulrichskirche und die Sebastianskirche genannt.

Tatsächlich sei die Frage aber bereits seit 1908 abschließend geklärt. Die damalige Stadtverordnetenversammlung hatte den Stadtarchivar Dr. Ernst Neubauer mit der Suche nach dem Guericke-Grab beauftragt. Unter dem Titel „Nachforschung nach dem Grab Otto v. Guerickes“ wurde sein Bericht am 13. Oktober 1908 vorgestellt.

Guericke-Grab in Familiengruft

Seinen Recherchen zufolge befand sich die letzte bekannte Ruhestätte Otto von Guerickes in der 1716 angelegten Familiengruft seines Enkels, Regierungsrat Leberecht von Guericke.

Diese war in der Stiftskirche St. Nikolai am Domplatz/Kreuzgangstraße eingerichtet worden. Zuvor waren Guerickes sterbliche Überreste nach seinem Tod am 11. Mai 1686 in Hamburg in der dortigen Nikolaikirche aufgebahrt worden. Anschließend wurde er auf dem Friedhof von Ottensen bei Altona beigesetzt. Irgendwann zwischen 1716 und 1724 wurden seine Überreste nach Magdeburg in die Gruft seines Enkels überführt.

Nikolaikirche als Militärlazarett

Stadtarchivar Neubauer berichtete weiterhin, dass 1807 unter der Besatzung von Napoleons Truppen die Nikolaikirche in ein Militärlazarett umgebaut wurde. Dabei seien die Grüfte eingerissen und verfüllt worden. Die dort bestatteten Särge wurden ausgehoben und ohne Kenntlichmachung vor den Toren der Stadt beigesetzt.

1907/08 im städtischen Auftrag durchgeführte Grabungen hatten bestätigt, dass die als Guericke-Gruft identifizierte Grablege im nordöstlichen Seitenschiff der Nikolaikirche „ausgeräumt und teilweise mit Schutt bedeckt“ war, wie Matthias Puhle die damaligen Entdeckungen zusammenfasst.

Guericke-Gebeine umgesetzt

Somit war Otto von Guericke zwischen 1716/24 und 1807 in der ehemaligen Nikolaikirche am Domplatz begraben. Anschließend wurden seine Gebeine an einem unbekannten Ort beigesetzt, ein Auffinden ist somit unmöglich. Dennoch suchten noch Ende der 1990er Jahre Archäologen in der Johanniskirche nach seiner Ruhestätte.

Die Nikolaikirche wurde 1959 abgerissen, nachdem sie bereits im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war. An ihrer Stelle steht heute das Bürohaus Breiter Weg 7, dessen Tiefgarage weit in den Boden reicht. „Es besteht demnach keine Möglichkeit zu einer würdigen Herrichtung der authentischen Ruhestätte“, stellt der Kulturbeigeordnete fest.

Stadtarchiv Magdeburg legt Theorie ad acta

Als Erinnerungsort wird stattdessen seit vielen Jahren die Alemann-Guericke-Gruft in der Johanniskirche genutzt. So wurde auch der 400. Geburtstag Otto von Guerickes dort 2002 groß gefeiert. Damals ging man davon aus, dass seine Gebeine dort irgendwo zu finden seien – obwohl ein Stadtarchivar bereits 100 Jahre früher diese Theorie ad acta gelegt hatte.