Magdeburg l Für Brunhild Iser und ihre Tochter Lisa Marie sind die Bilder von jenem Abend des 6. März 2019 noch sehr präsent. Die beiden Frauen stehen mit ihrem Auto an der geschlossenen Schranke am Sudenburger Bahnhof, als plötzlich eine junge Frau ihr Rad unter der Schranke hindurchschiebt, es Huckepack nimmt und die Gleise überquert. In diesem Moment rauscht ein IC heran und erfasst die junge Frau.

Mutter und Tochter reagieren sofort und eilen zur der schwer verletzten Frau. „Zu der Zeit ging ich nach einer Hüft-OP noch an Krücken, durfte die Hüfte nicht belasten. Doch in dem Moment bin ich aus dem Auto gesprungen und bin sofort zu der Frau geeilt“, erzählt Brunhilde Iser, die ausgebildete Krankenschwester ist, Innenminister Holger Stahlknecht bei der Belobigung am 23. September 2019 von der Nacht.

Magdeburgerin spricht mit der Verletzten

Neben der Frau kniend spricht die 78-jährige Magdeburgerin die ganze Zeit mit der Verletzten, hält sie so bei Bewusstsein. Ihre Tochter Lisa Marie ruft derweil Hilfe und sichert nach Kräften den Unfallort ab. Dank der Hilfe der beiden Engel überlebt die junge Frau.

Gehört haben die beiden Lebensretter seither nichts mehr von ihr. „Ich denke, sie schämt sich“, sagt Brunhilde Iser. Schon an der Unfallstelle habe die Verletzte immer wieder gesagt „Warum habe ich das nur getan?“.

Mit dem Erlebten haben die beide Frauen noch lange nach dem tragischen Vorfall zu kämpfen. Die Bilder des Unfalls tauchen immer wieder auf – auch in Albträumen. „Wir hatten merkwürdigerweise beide den gleichen Traum: Wir sehen den Zug herannahen, der Zug hat dabei einen Haikopf...“, berichtet Lisa Marie Iser. Mit dem Bewältigen des Erlebten müssen die beiden Frauen nach dem Unfall selbst klar kommen. „Es hat leider keine Hilfe für uns gegeben“, sagt Lisa Marie Iser.

Magdeburger würden wieder helfen

Dennoch würden beide sofort wieder handeln, wenn sie in eine Situation kommen, in der ein Mensch ihre Hilfe braucht, versichern sie. Dass sie aus den Händen des Innenministers die Belobigungsurkunde, unterzeichnet vom Ministerpräsidenten, für ihr couragiertes Handeln erhalten, freut sie. „Aber wir haben einfach gehandelt“, sagt Brunhild Iser ganz bescheiden.

Lisa Marie Iser muss derweil immer noch auch an den Lokführer denken. „Er tut mir wirklich leid. Ich hoffe, dass er noch fahren kann“, sagt die Magdeburgerin. Sie selbst will Lokführerin werden, wie sie sagt, kann sich gut in die Gefühlslage des Lokführers hineinversetzen. Und sie hat einen Appell an alle: „Bitte nicht mit Zügen anlegen – die sind stärker!“.

Bettina Kummer und Hanns-Martin Irmscher komplettierten am Montag das Lebensretter-Quartett. Die beiden Mitarbeiter des Landesamtes für Verbraucherschutz in Magdeburg sind am 13. Dezember 2018 zu Rettern geworden. Einem Rentner, der nebenher noch einige Kurierfahrten für das Landesamt übernahm, wurde plötzlich schwarz vor Augen, sackte zusammen und fiel den beiden buchstäblich in die Arme.

Als Ersthelfer geschult

Sein großes Glück war dabei, dass Bettina Kummer, Medizinisch-technische Assistentin im mikrobiologischen Wasserlabor, als Ersthelferin im Landesamt geschult ist. Und Dezernatsleiter Hanns-Martin Irmscher ist promovierter Mediziner – allerdings für Mikrobiologie und Virologie und nicht für Humanmedizin. „Das war für mich die erste Reanimation“, sagt Hanns-Martin Irmscher rückblickend. Genauso wie für die Barleberin Bettina Kummer.

Doch beide handeln in der Situation völlig korrekt. Während Hanns-Martin Irmscher den Oberkörper des Bewusstlosen frei macht, holt Bettina Kummer den im Flur stationierten Defibrillator. Beide wechseln sich bei der Herzdruckmassage ab – so lange, bis die professionellen Retter etwa sechs Minuten nach der Alarmierung eintreffen. Als sie den noch immer bewusstlosen Patienten übernehmen, haben Atmung und Puls schon wieder eingesetzt.

Später ist es durch die Volksstimme zu einem Treffen der Lebenretter und dem Geretteten gekommen. „Dass er seinen 70. Geburtstag feiern konnte, das hat er ihnen zu verdanken“, lobt Innenminister Stahlknecht. „Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen so couragiert handeln wie Sie.“ Auch Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper und Börde-Landrat Martin Stichnoth sind voll des Lobes während der Auszeichnungsveranstaltung. Den vier Lebensrettern gebühre Respekt und Dank.