Innenstadt

Verkehr: Gemeinsam genutzte Räume in Magdeburg mit Blickkontakt regeln

Von Christina Bendigs
Die Arthur-Ruppin-Straße am Hundertwasserhaus ist eine verkehrsberuhigte Zone. Sie kommt bereits nah heran an das Konzept, das mit „Shared Space“ verfolgt wird. Auch andere Nebenbereiche des Breiten Weges wären denkbar, meint der Verband der Stadtplaner.
Die Arthur-Ruppin-Straße am Hundertwasserhaus ist eine verkehrsberuhigte Zone. Sie kommt bereits nah heran an das Konzept, das mit „Shared Space“ verfolgt wird. Auch andere Nebenbereiche des Breiten Weges wären denkbar, meint der Verband der Stadtplaner. Foto: Christina Bendigs

Magdeburg

„Verunsichere den Autofahrer und er wird langsam fahren.“ Das sei die Erfahrung aus verkehrsberuhigten Bereichen, die alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigt nutzen dürfen, berichtet Tim Schneider als Sprecher des Regionalverbandes der Stadtplaner in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Der Begriff dafür lautet „Shared Space“, zu Deutsch „gemeinsam genutzter Raum“. In Magdeburg ist eine „Shared Space“-Zone im Zusammenhang mit dem Konzept zur Belebung der Magdeburger Innenstadt für Teile des Breiten Wegs vorgeschlagen. Während sich der Bauausschuss gegen einen „Shared Space“ in diesem Bereich ausgesprochen hat, ruft Tim Schneider dazu auf, die Debatte darüber nicht gänzlich im Sande verlaufen zu lassen. Denn es sei ein Verkehrskonzept das modern und zukunftsweisend sei und in vielen Städten für passende Bereiche bereits umgesetzt werde – mit guten Erfahrungen, sagt Schneider. Auch Schönebeck gehört dazu.

Shared Space auch in Stadtteilen möglich

Sollte der Stadtrat am 6. Mai 2021 gegen einen „Shared Space“ auf dem Breiten Weg entscheiden, könnten etwa die Nebenbereiche des Breiten Wegs in den Fokus rücken. Auch in Ottersleben und Alt-Olvenstedt sehe der Verband beispielsweise Potenziale, um „Shared Space“-Zonen einzurichten.

Das Konzept beruhe darauf, zuerst einmal die oben genannte Verunsicherung zu stiften. Die nämlich führe dazu, dass sich Verkehrsteilnehmer nicht nur vorsichtiger bewegen, sondern auch Blickkontakt zueinander aufnehmen. Hält der Autofahrer an, um dem Fußgänger den Vortritt zu lassen? Oder wechselt der Fußgänger auf einen Seitenbereich, damit der Autofahrer ungehindert passieren kann? All das könne mit Blickkontakt entschieden werden. Und das wiederum führe dazu, dass in „Shared Space“-Bereichen nicht nur seltener Unfälle geschehen würden, sondern diese auch weniger schwer ausgehen, verweist Tim Schneider auf eine Studie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft.

Auch Umwelt und Klima würden von „Shared Space“ profitieren, zieht Schneider auch eine Fachbroschüre des Umweltbundesamtes heran. Darin werden unterschiedliche „Shared Space“-Projekte in Deutschland analysiert. Mit dem Fazit: „Die dargestellten Projekte dienen der Umsetzung verkehrspolitischer Zielstellungen, wie zum Beispiel der Stärkung des Fuß- und Radverkehrs.“ Zugleich wirke sich das Umgestalten und Umverteilen von Straßenraum in vielen Kommunen positiv auf die Umwelt- und Aufenthaltsqualität im Wohnquartier oder die Attraktivität des Einzelhandels vor Ort aus, heißt es in den abschließenden Betrachtungen dieser Übersicht. Auch aus Sicht des Klimaschutzes und der Luftreinhaltung seien diese Projekte sinnvoll, da die Maßnahmen umweltverträgliche Strukturen schufen und alte Fehler, wie etwa eine starke Versiegelung, bereinigen würden.

Gemeinsamer Raum hat auch Schutzzonen

Im Hinblick auf Sorgen von Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen macht Tim Schneider klar, dass ein „Shared Space“ über ein gutes taktiles Leitsystem verfügen und auch Schutzräume für schwächere Verkehrsteilnehmer vorhalten müsse. Und wenn die Skepsis allzu groß sei, ließen die Gesetze zum Verkehr auch Verkehrsversuche zu. Diese könnten auch ohne aufwendige Umbauten durchgeführt werden. Denn für den Verband der Stadtplaner bedeutet „Shared Space“ nicht unbedingt eine bordsteinfreie, barrierelose Fläche, betont Tim Schneider. Der Verband hofft, dass die Debatte um „Shared Space“ in Magdeburg fortgesetzt wird, damit die Stadt nicht hinter anderen zurücksteht. Beteiligt sein sollten daran Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen, um zu einem ganzheitlichen Konzept zu gelangen.