Salzwedel l Fernglas, Zange; Sinne geschärft und viel Geduld. Mehr braucht Ornithologe Klaus-Jürgen Seelig (75) aus Magdeburg nicht, um Uhus aufzuspüren. Gemeinsam mit dem Kreis-Naturschutzbeauftragten Michael Arens zieht er durch den Salzwedeler Burggarten. Ein Blick hoch in die Baumkronen, einer ins Gebüsch. Stück für Stück inspizieren die beiden Männer das Areal im Zentrum der Stadt an diesem Vormittag. Doch zu sehen ist niemand. Außer ein paar zwitschernden Amseln und einigen Tauben, die von Baum zu Baum flattern. Doch keine Spur vom Uhu. Also gehen die beiden Vogelfreunde zu der Stelle, an der die Jungtiere letztmalig gesehen und abgelichtet wurden: Die Mauerreste des einstigen Gotteshauses. Doch auch dort: Fehlanzeige.

Schleiereule und Kauz gefressen

Doch damit wollen sich beide nicht zufrieden geben und erklimmen die Mauer. „Aha“, sagt Michael Arens: „Hier haben sie gefressen.“ „Federn von Ringeltauben, Schleiereule und Kauz“, ergänzt der Ornithologe. Davor die kläglichen Reste eines Igels. Die beiden Männer sind glücklich, immerhin etwas. Also geht der Suche weiter. Nach knapp zwei Stunden hören sie auf. „Das hat keinen Sinn mehr“, sagt der 75-Jährige, „wir müssen abends wiederkommen.“ Der Magdeburger ist nicht gewillt, ohne Beringung wieder zurück in die Landeshauptstadt zu fahren.

Seit 45 Jahren ist Klaus-Jürgen Seelig Ornithologe aus Leidenschaft. Weit mehr als 10 000 Vögel hat er bereits beringt. Darunter etwa 140 Uhus. Doch die größte Eulenart hat er lange nicht mehr gesehen, weshalb er sich auf den Besuch in Salzwedel freute. Der ehrenamtliche Mitarbeiter der Vogelwarte Hiddensee hat extra mehrere Ringe mitgebracht.

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Abstand zu den Vögeln halten

Unterdessen ist Michael Arens zu Ohren gekommen, dass bei Christiane Peters in Salzwedel seit eineinhalb Wochen ein junger Uhu ist. „Den machen wir gleich mit“, sagt Seelig. Doch erst will er ein weiteres Jungtier finden. Er will die Geschwister beieinander wissen, damit die Alttiere weiter füttern. „Auch wenn junge Uhus ein bis zwei Wochen nicht mehr bei ihren Eltern waren, werden sie danach weiter gefüttert“, sagt er. Trotzdem rät er dringend davon ab, die Uhus mitzunehmen. „Auch wenn sie etwas unbeholfen aussehen und auf dem Boden sitzen: Das ist völlig normal“, erklärt er. Sie können auch klettern. Vielmehr sei Abstand die richtige Wahl, um die Tiere nicht unnötig zu stören. „Wenn sie verletzt sind, ist das eine tolle Sache, wenn Menschen sich um sie kümmern.“ Doch bei Eulenarten sei es häufig, dass Menschen sie mitnehmen würden.

Mittlerweile ist es Abend. Der Kreis-Naturschutzbeauftragte ist nicht mehr in Salzwedel, der Ornithologe hingegen schon. Wieder geht er alle Stellen ab, an denen letztmalig Uhus gesehen wurden. Währenddessen spielt er Rufe der Altvögel über sein Smartphone ab.

Uhu gefunden

„Hier“, ruft Klaus-Jürgen Seelig und zieht das Blattwerk eines Gebüsches beiseite. Und tatsächlich, er hat einen Junguhu gefunden. Das Tier plustert sich auf und macht dem 75-Jährigen mit Klack-Geräuschen unmissverständlich klar, was es von der Störung hält. Doch damit hat der Jungvogel wenig Chancen bei dem Routinier, der ohne Handschuhe und kurzärmlig beherzt zugreift. In der rechten Hand die puscheligen Beinchen des Vogels, in der linken Hand die Zange. Der junge Uhu hat nun einen „Ausweis“ in Form eines Ringes. Es ist Uhu „030571“.

„Mit der Beringung können wir das Lebensalter und die Wanderungen ermitteln“, sagt Seelig. Die ersten 30 bis 50 Tage würden die Jungtiere noch im Nest verbringen. In Salzwedel war es eine „Fensteröffnung“, weit oben im Burgturm. Nach 60 bis 70 Tagen würden die kleinen Uhus flugfähig werden. „Ich denke, die Junguhus in Salzwedel sind etwa so alt.“ Noch weitere zwei bis drei Monate bleiben die Tiere im Familienverbund, eher sie selbst Beute schlagen und ihre eigenen Wege gehen.

Vorsichtig setzt Klaus-Jürgen Seelig „030571“ wieder an die Stelle, an der er das Tier vorfand. Nicht ohne abermals von dem Jungvogel angegiftet zu werden. Egal, Klaus-Jürgen Seelig ist glücklich. Ein Blick auf die Uhr. „Jetzt holen wir den anderen.“

Zurück in die Natur

Bei Christiane Peters angekommen, flattert das Jungtier in einer Voliere. Dies tue er nur, wenn andere kommen, meint die Vogelfreundin, bei ihr bleibe er ruhig. Doch für den 75-Jährigen ist das kein Grund für Angst. „Haben Sie Handschuhe mit?“, fragt Peters, als Seelig ohne welche hineingeht und wie im Burggarten zielsicher zugreift. Doch dieses Mal hat er etwas abbekommen, einen Kratzer. „Auch die Krallen der Jungtiere sind schon groß und scharf“, sagt er und beringt den Vogel. Er heißt nun „030572“. Seelig packt das Tier in eine Transportbox und geht zurück zum Burggarten.

Dort angekommen, steuert er direkt den Standort des anderen Jungtieres an. Mit mächtigem Getöse verschwindet der Uhu aus der Transportbox ins Gebüsch zu seinem Geschwisterchen. Wie Christiane Peters weiß, sind es insgesamt vier Jungtiere. Zwei habe sie auf der besagten Mauer des ehemaligen Gotteshauses gesehen und gleichzeitig eines auf einem Dach. Das vierte war bei ihr. Trotzdem: Aufzufinden war an dem Abend keines mehr.

Alttier schaut zu

Dafür durchdringen die Rufe eines Alttiers das historische Areal. Mit dem Fernglas sondiert der Ornithologe die Baumwipfel in der unmittelbaren Umgebung. „Dort“, sagt er und zeigt hinauf in eine Tanne. Etwas versteckt begutachtet das Alttier das Geschehen ganz genau. „Wir sollten langsam gehen“, so Seelig.

Den Spaziergängern im Burggarten rät er, Lärm zu vermeiden und die Vögel nicht zu stören. Und vielleicht können die Salzwedeler im nächsten Jahr wieder Zeugen von Uhu-Nachwuchs werden. Vorausgesetzt, die Alttiere fühlen sich im Burggarten wohl und werden nicht übermäßig durch Lärm gestresst.